Grundlagentext Empowerment
4. Handwerkszeuge: Methoden des Empowerments
Wenden wir uns nun den Handwerkszeugen einer Sozialen Arbeit zu, die Menschen zur Entdeckung der eigenen Stärken anstiften und sie in die Rolle von autonomen Regisseuren der eigenen Lebensgeschichte einsetzen möchte. In der Literatur werden in der Regel vier Ebenen des Empowerments unterschieden, denen je eigene methodische Werkzeuge korrespondieren:
(1) Die Ebene der Einzelhilfe - die Konstruktion lebbarer Lebenszukünfte
Beispiele für eine praktische Umsetzung des Empowerment-Konzeptes auf der Individualebene entstammen überwiegend dem Handlungsfeld der Beratung und der sozialen Einzelhilfe. Gemeinsam ist diesen personenbezogenen Arbeitsansätzen der Versuch, der betroffenen Person Auswege aus erlernter Hilflosigkeit zu erschließen. Der Kontrakt zwischen Sozialarbeiter und Klient hat das Ziel, Hilfestellungen zu vermitteln, vermittels derer der Betroffene aus einer Situation der Machtlosigkeit, Resignation und Demoralisierung heraus das Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen vermag, Vertrauen in das eigene Vermögen zur Lebens- und Umweltgestaltung gewinnt, verschüttete Kraftquellen von Kompetenz und Vermögen entdeckt und zur Gestaltung relevanter Lebensausschnitte einsetzt. Hier kommen drei, einander ergänzende methodische Werkzeuge zum Einsatz:
Ressourcendiagnostik: In der psychosozialen Landschaft gibt es eine Vielzahl von Test-, Fragebögen- und Diagnostikverfahren, die die Lebensprobleme der KlientInnen, ihre Defizite und unzureichenden Bewältigungskompetenzen detailliert ‚vermessen’. Eine Leerstelle ist hingegen dort zu vermerken, wo es darum geht, die Stärken der KlientInnen – ihre Ressourcen – systematisch zu erfassen. Bis heute sind in der Sozialen Arbeit nur wenige Verfahren der Ressourcendiagnostik verfügbar – und dies obwohl ressourcenorientierte Praxiskonzepte insbesondere im systemisch-lösungsorientierten Beratungsansatz schon seit fast zwei Jahrzehnten eine weite Verbreitung gefunden haben. Ressourcendiagnostik hat im Kontext der Empowerment-Arbeit vor allem drei Funktionen: (1) Erstdiagnostik und Hilfeplanung: Empowerment-Arbeit hat zum Ziel, die dem Klienten verfügbaren Bewältigungsressourcen systematisch in den Hilfeprozess einzubeziehen und zugleich lebensgeschichtlich verschüttete Ressourcen (‚Lebensstärken’ in der biographischen Vergangenheit) wieder aufzufinden und zugänglich zu machen. Im Rahmen des Erstgesprächs und der anschließenden individuellen Hilfeplanung ist daher eine präzise Vermessung von Ressourcen unverzichtbar. (2) Prozessbegleitende Reflexion: Die Ressourcendiagnostik kann über die Hilfeplanung hinaus auch als Instrument der Verfahrensevaluation eingesetzt werden. Sie eignet sich als eine praktische Reflexionshilfe, mit der Sozialarbeiter und Klient im Verlauf ihres Arbeitskontraktes wiederholt das je aktuelle Ressourcensetting visualisieren, die bereits eingetretenen Veränderungen dokumentieren, Hindernisse im Zugang zu Ressourcen reflektieren und das weiterführende Hilfeverfahren neu organisieren. (3) Evaluation und Qualitätsdokumentation: Im Rahmen der abschließenden Fallevaluation schließlich dienen Verfahren der Ressourcendiagnostik zur Abschätzung von Ressourcenentwicklungen (quantitative und qualitative Veränderungen). Erste Instrumente der Ressourcendiagnostik sind von Pantucek 2009; Schiepek/Cremer 2003; Trösken/Grawe 2003 vorgelegt worden.
Unterstützungsmanagement: Werkzeug der Empowerment-Arbeit auf der Individualebene ist zum zweiten das Unterstützungsmanagement. Unterstützungsmanagement (Case Management; „Fall-Management“) ist ein ganzheitliches unterstützendes Arrangieren von Lebensressourcen. Auf der Grundlage einer gemeinsamen Verständigung über Zielsetzungen und Schrittfolgen werden verfügbare Hilferessourcen in der privaten Lebenswelt und in den öffentlichen Dienstleistungsagenturen zu einer konzertierten Unterstützungsaktion zusammengeführt. Auf diese Weise konstituiert sich ein grenzübergreifendes Ressourcen-Netzwerk, das in Lebenszeiten der Belastung spürbare Entlastung und Hilfestellung zu geben vermag (vgl. weiterführend Löcherbach u.a. 2009; Neuffer 2013; Wendt 2011).
Selbstnarration und Biographiearbeit: Dieser dritte Baustein verknüpft die Empowerment-Arbeit mit der aktuellen Diskussion über „narrative Identitätsarbeit“ und „biographisches Erzählen“. Grundüberzeugung dieser Debatte, die vor allem in der narrativen Psychologie geführt wird, ist es, dass Menschen Lebenskohärenz, also die sichernde Erfahrung der Sinnhaftigkeit der eigenen Lebensgeschichte, in Selbsterzählungen (Selbstnarrationen) konstruieren. Diese Grundüberzeugung der narrativen Psychologie macht einen direkten Brückenschlag zur Methodik der Empowerment-Arbeit möglich. Das erzählende (Wieder-) Aufgreifen von biographischen Fäden im pädagogischen Dialog hat zum Ziel, Würde, Wert und Stolz des eigenen Lebens zu erinnern, Kontinuität und Lebenskohärenz allen Lebensbrüchen zum Trotz herzustellen und die Schatten negativ eingefärbter Selbst-Typisierungen zu bannen. Das biographische Erzählen öffnet Möglichkeitsräume, in denen der Einzelne Sprache finden kann und in der reflexiven Aneignung der lebensgeschichtlichen Erfahrungen Werkzeuge für die Bearbeitung des Zurückliegenden und Orientierungen für das noch unbekannte Zukünftige gewinnen kann (vgl. Hölzle/Jansen 2010; Krüger/Marotzki 2005; Miethe 2011).
(2) Die Ebene der Gruppenarbeit - das Stiften von Zusammenhängen:
Empowerment ist aber nicht nur Ergebnis eines einzelfallbezogenen Settings von Beratung und Begleitung. In vielen (vielleicht sogar den meisten) Fällen ist Empowerment das Produkt einer ‚konzertierten Aktion‘ - das gemeinschaftliche Produkt von Menschen also, die sich zusammenfinden, ihre Kräfte bündeln und gemeinsam aus einer Situation der Machtlosigkeit, Resignation und Demoralisierung heraus beginnen, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen. Anschauungsmaterialien für diese eigeninitiierten und dynamisch verlaufenden Gruppenprozesse finden sich in unterschiedlichen Handlungsfeldern: in der Netzwerkarbeit mit Familien-, Freundschafts- und Gleichaltrigen-Systemen; in der Unterstützung von Selbsthilfegruppen; in der Arbeit mit kommunalpolitisch engagierten Bürgerinitiativen. In all diesen Feldern sozialer Aktion sind Empowermentprozesse in sozialer Gemeinschaft eingelagert, es vollzieht sich die Entfaltung personaler Kräfte in der stärkenden Gemeinschaft mit anderen. Für die Soziale Arbeit ergibt sich damit auf dieser gruppenbezogenen Ebene die Aufgabe, Menschen miteinander zu verknüpfen und ihnen Aufbauhilfen bei der Gestaltung von unterstützenden Netzwerken zu vermitteln. In das Zentrum der sozialen Praxis tritt so das Stiften von Zusammenhängen: die Inszenierung, der Aufbau und die Weiterentwicklung von fördernden Netzwerkstrukturen.Hier kommen zwei methodische Werkzeuge zum Einsatz (Nestmann 2004; 2005; Stegbauer/Häußling 2010; Otto 2011):
Netzwerkberatung - das Kitten von Beziehungsrissen: Arbeitsansätze der Netzwerkberatung zielen auf Beziehungsnetzwerke, die auf gewachsenen familiären, verwandtschaftlichen oder freundschaftlichen Beziehungen beruhen und die ein relativ hohes Maß an Vertrautheit implizieren. Ziel der Arbeit auf dieser Ebene ist es, Verbindungen, die sich in der Zeit gelockert haben, enger zu knüpfen, die Risse zwischen auseinandergerissenen Netzwerkteilen zu kitten, den Austausch und die zielgenaue Nutzung von sozialen Unterstützungsleistungen zu intensivieren. Methodisches Instrument dieser Vernetzung ist die Netzwerk-Konferenz, die eine Plattform bereitstellt, auf der es möglich wird, die verfügbaren Unterstützungsressourcen und Hilfebereitschaften des natürlichen Netzwerkes zu bündeln und zu einem konzertierten Hilfe-Arrangement zu verknüpfen.
Netzwerkförderung - das Stiften neuer sozialer Zusammenhänge: Vielfach steht die soziale Arbeit jedoch vor der Situation, dass problemadäquate natürliche Unterstützungsnetzwerke - aufgrund einer durchgreifenden Individualisierung der Lebenswelten und der darin eingelagerten Vereinsamung von Menschen - nicht verfügbar sind. Hier kommt der sozialen Arbeit die Aufgabe zu, Gemeinschaft neu zu inszenieren, indem sie Menschen mit gleichartigen Betroffenheiten und Anliegen miteinander in Kontakt bringt und durch diese initiale Vernetzung Zugänge zu sozialer Teilhabe und Partizipation eröffnet. Soziale Arbeit ist hier Wegweiser zu Personen, die in gleicher Weise kritische Lebensabschnitte durchlaufen. Sie ist zugleich Starthilfe und organisatorisches Rückgrat für diese neu entstehenden Beziehungsnetze und Selbsthilfegruppen und fachliche Beratung in kritischen Etappen des Gruppenprozesses.
(3) Die Ebene der Organisation - das Eröffnen von Räumen der Bürgerbeteiligung
Empowerment auf institutioneller Ebene zielt auf die Stärkung und die Verbreiterung von Bürgerbeteiligung und zivilem Engagement. Gefragt sind hier Gegenrezepte gegen den resignativen Rückzug der Bürger ins Private. Gefragt ist ein strittiges Sich-Einmischen der Bürger - ihre aktive Einflussnahme auf kommunale Belange, auf soziale Dienstleistungsprogramme und lokale Politikvorhaben. Empowerment verknüpft sich in dieser Forderung mit der aktuellen Diskussion über „Partizipation“, „Kundenorientierung“ und „neue Steuerungsmodelle“. Empowerment-Arbeit auf institutioneller Ebene meint hier: die Stärkung der Responsivität administrativer Strukturen für Bürgerbelange und die Etablierung von Verfahren der formalen Beteiligung, die sachverständigen Bürgern ein Mandat im Prozess der Planung, Gestaltung und Implementation von sozialen Dienstleistungen geben. Erste modellhafte Erprobungen solcher Partizipationsverfahren - die Bürgerbeiräte - eröffnen hier neue Perspektiven: Sie sehen die Einberufung von Beiräten auf der Ebene der kommunalen Sozialpolitik vor, in denen engagierte und in der Regel zugleich ‚problembetroffene‘ Bürger ein formales Aufsichts- und Kontrollmandat ausüben (z.B. Beirat für die Belange wohnungsloser Menschen; Beirat für Fragen der gemeindlichen psychosozialen Versorgung; Beirat für kommunale Seniorenarbeit; Beirat für Migrationsfragen). Die Betroffenen treten hier ein in die Rolle von ‚aktiven Konsumenten‘; sie werden auch im administrativen Raum zu Experten in eigener Sache, die in zweierlei Weise Einfluss ausüben: zum einen durch die Mitwirkung auf der Ebene der Konzeptentwicklung und der Planung von Dienstleistungen; und zum anderen durch die kritische Überprüfung und Evaluation der Implementation dieser Dienstleistungsprogramme.
(4) Die Ebene der Gemeinde - das Schaffen eines förderlichen Klimas für Selbstorganisation und bürgerschaftliches Engagement
Empowerment auf der Nachbarschafts- und Gemeindeebene schließlich zielt auf die Schaffung eines förderlichen lokalen Klimas für die Selbstorganisation und Partizipation von Menschen. Gemeindliches Empowerment lebt vom erklärten politischen Willen wie auch von der Implementation vielfältiger Programme und Initiativen, in denen Vertreter von Politik, Dienstleistungsbehörden, Verbänden usw. und engagierte Bürger kooperativ und gleichberechtigt Facetten der lokalen Lebensqualität umgestalten. Beispiele für Mut machende Programme der community organization entstammen dem Kontext des „Healthy Cities-Programms“ der Weltgesundheitsorganisation: Hier werden in einem Joint Venture und in gemeinsamer Verantwortung von Gesundheitsdienstleistern und engagierten Bürgern Projekte erarbeitet und realisiert, die weit über einen engen Gesundheitsfokus hinaus Beiträge zu einer Verbesserung der kommunalen Lebensqualität in kleinen Schritten sind: architektonische Wohn(umfeld-)gestaltung; Einrichtung von Tauschbörsen und Servicebüros für ehrenamtliches Engagement; Einflussnahme auf die inhaltliche Gestaltung von Erziehungs-, Beratungs- und Freizeit-Dienstleistungsprogrammen in Form von „Nutzer-Beiräten“; Schaffung von „Kinder- und Jugendparlamenten“ und Senioren-Beiräten mit politischem Mandat usw. (vgl. weiterführend Herriger 2014, S. 181-186).
