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Materialien 5

Norbert Herriger
Ressourcen und Ressourcendiagnostik in der Sozialen Arbeit

(unveröffentl. Manuskript Düsseldorf 2006)

Es gehört heute zum „guten Ton“ in der Praxis der Sozialen Arbeit, dass das pädagogische Handeln von Institutionen und Mitarbeitern als „ressourcenorientiert“ und „ressourcenfördernd“ dargestellt wird. Auf den Hochglanzseiten der Selbstdarstellungen der Institutionen sozialer Arbeit dürfen Hinweise auf „Stärkenorientierung“,  „Ressourcenentwicklung“, und „Kompetenzförderung“ nicht fehlen. Ressourcenorientierung ist somit ein modisches Etikett geworden, mithilfe dessen die soziale Praxis sich einen Touch von Fortschrittlichkeit, Methodenaktualität, Innovation verleiht - „a jour“ mit aktuellen wissenschaftlich-theoretischen Entwicklungstrends. Fokussiert man aber den Blick ein wenig und schaut hinter die Kulissen der öffentlichkeitswirksamen Selbstdarstellung, so fällt auf, dass in nur wenigen Einrichtungen und Diensten der Sozialen Arbeit ein spezifisches Instrumentarium der Ressourcendiagnostik konkret verfügbar ist. Der diagnostische Blick gilt vor allem der Defizitanalyse – gestützt auf eine Vielzahl von alterprobten Test-, Fragebögen- und Diagnostikverfahren, die die Lebensprobleme der Klienten, ihre Unzulänglichkeiten und mangelnden Bewältigungskompetenzen detailliert beschreiben. Was aber fehlt, das sind gebrauchsfertige Erhebungsinstrumentarien, die geeignet wären, die Ressourcen der Adressaten sozialer Unterstützung in strukturierter Form zu erfassen und in die Hilfeplanung einzubauen. Sprechen wir von Ressourcendiagnostik, so sprechen wir also im Konjunktiv. Werfen wir den Blick in eine nicht allzu ferne Zukunft. Im Kontext der Empowerment-Arbeit wird eine Ressourcendiagnostik der Zukunft vor allem an drei ‚Orten’ zum Einsatz kommen:

Erstdiagnostik und Hilfeplanung: Empowerment-Arbeit hat zum Ziel, die dem Klienten verfügbaren Bewältigungsressourcen systematisch in den Hilfeprozess einzubeziehen und zugleich lebensgeschichtlich verschüttete Ressourcen wieder aufzufinden und erneut zugänglich zu machen. Im Rahmen des Erstgesprächs und der anschließenden individuellen Hilfeplanung ist daher eine präzise Vermessung von Ressourcen unverzichtbar.

Prozessbegleitende Reflexion: Ressourcendiagnostik  kann über die Hilfeplanung hinaus auch als Instrument der Verfahrensevaluation eingesetzt werden. Sie eignet sich als eine praktische Reflexionshilfe, mit der Sozialarbeiter und Klient im Verlauf ihres Arbeitskontraktes wiederholt das je aktuelle Ressourcensetting visualisieren, die bereits eingetretenen Veränderungen dokumentieren, Hindernisse im Zugang zu Ressourcen reflektieren und das weiterführende Hilfeverfahren neu organisieren.

Evaluation und Qualitätsdokumentation: Im Rahmen der abschließenden Fallevaluation schließlich dienen Verfahren der Ressourcendiagnostik zur Abschätzung von Ressourcenentwicklungen (quantitative und qualitative Veränderungen). Mit diesen Daten wird es zugleich möglich, ein Ressourcennetzwerk zu konstruieren und zu stabilisieren, das dem Klienten nach Ende des institutionellen Kontaktes einen festen lebensweltlich-sozialen ‚Geleitschutz’ bereitzustellen vermag. 

Im folgenden wollen wir drei Schritte gehen: Beginnen wollen wir mit einer Definition dessen, was Menschen in der Bewältigung von kritischen Lebensereignissen und belastenden Lebenslagen Ressource sein kann. Im zweiten Schritt folgt eine umfangreiche Ressourcentaxonomie, die eine erste Sortierung unterschiedlicher (personen- und umweltbezogener) Ressourcenkategorien möglich macht. Im letzten Schritt werden schließlich - anknüpfend an noch unzureichend-wenige Vorgaben aus der psychologischen Forschung - zwei unterschiedliche Instrumentarien der Ressourcendiagnostik entwickelt: das offene Verfahren  („Ressourceninterview“) und das geschlossene Verfahren („Kompetenzinventar“) der Ressourcendiagnostik.

1. Der Ressourcen-Begriff in der Diskussion

Obwohl von wachsender Popularität ist der Ressourcenbegriff in der aktuellen Diskussion oft nur vage und wenig griffig gefasst. So beklagt Nestmann (1996) die Unbestimmtheit des Ressourcenbegriffs und fasst zusammen: „Letztlich alles, was von einer bestimmten Person in einer bestimmten Situation  wertgeschätzt und/oder als hilfreich erlebt wird, kann als eine Ressource betrachtet werden“ (Nestmann 1996, S. 362). Betrachten wir also zunächst einmal die Definitionsangebote in der (vor allem psychologischen) Literatur. Eine instruktive Einführung in Begriffsgeschichte und konzeptuelle Grundlagen stammt aus der Feder von Ute Willutzki (2003). Ihrer Argumentation folgend liegt der Ressourcenperspektive „die Annahme (zugrunde), dass Ressourcen für die Bewältigung alltäglicher ... Anforderungen bzw. Lebensaufgaben von zentraler Bedeutung sind und somit letztlich unsere psychische und physische Gesundheit sowie unser Wohlbefinden von ihrer Verfügbarkeit und ihrem Einsatz abhängig sind“. Ressourcen – so argumentiert sie weiter - sind Potentiale (der Person selbst und/oder ihrer sozialen Umwelt), deren Einsatz lebenserhaltende bzw. lebensverbessernde Effekte produziert. Ob aber Potentiale als „lebenserhaltend“ bzw. „lebensverbessernd“ eingeschätzt werden, hängt davon ab, inwieweit sie im Dienste zentraler Motive, Ziele und Interessen der Person stehen, d.h. funktional sind im Lichte einer subjektiven Aufgabenbestimmung (Willutzki 2003, S. 91 und 95). Hiermit ergeben sich drei Elemente einer Definition:

Schiepek/Cremer (2003) interpretieren Ressourcen – ganz in Übereinstimmung mit Willutzki – als „relationale Konstrukte“. Sie schreiben: „Ressourcen ‚hat’ man nicht nur, sondern aktiviert sie, nimmt sie wahr und entwickelt sie in Abhängigkeit von den jeweils relevanten Lebenszielen bzw. den das jeweilige Lebensstil-Szenario bestimmenden, affektiv geladenen Themen. Ressourcen sind so gesehen keine eingelagerten Dispositionen ..., sondern aktive Konstruktionsleistungen unseres emotional geprägten Wahrnehmens und unseres individuellen und sozialen Handelns“. Ressourcen sind mithin „...die aktive Konstruktionsleistung eines handelnden Subjekts, gegeben bestimmte Ziele und Herausforderungen“ (Schiepek/Cremer 2003, S. 178 und 183). Eine inhaltlich konkrete begriffliche Füllung liefern Trösken/Grawe (2003). Sie geben dem Ressourcenbegriff einen bedürfnistheoretischen Anstrich und verwenden ihn zur Bezeichnung von jenen produktiven Potentialen, die es Menschen möglich machen, ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen und auf diese Weise eine Balance biopsychosozialen Wohlbefindens herzustellen. „Die psychische Aktivität von Menschen ist auf die Befriedigung von Grundbedürfnissen ausgerichtet. Zur Befriedigung der Grundbedürfnisse werden konkrete Fähigkeiten, Verhaltensroutinen, motivationale Bereitschaften etc. herausgebildet, die es Menschen erlauben, individuelle Person-Umwelt-Transaktionen so zu gestalten, dass sie in einem hohen Maße Wahrnehmungen im Sinne ihrer Bedürfnisse machen und Verletzungen derselben vermeiden können. Die konkreten Fähigkeiten – d.h. die Mittel, die zur Bedürfnisbefriedigung herausgebildet werden – können als Ressourcenpotentiale angesehen werden“ (Trösken/Grawe 2003, S. 195). Unterschieden werden vier Grundbedürfnisse des Menschen: das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle; das Bedürfnis nach Lustgewinn; das Bedürfnis nach sozialer Bindung; und das Bedürfnis nach Selbstwertschutz. Petzold schließlich (1997) erweitert den Definitionshorizont - in systemtheoretische Sprache gekleidet - auf die Aspekte einer kreativen Selbst- und Umweltgestaltung. Als Ressourcen - so schreibt er - „werden alle Mittel gesehen, durch die Systeme sich als lebens- und funktionsfähig erhalten (operating), Probleme bewältigen (coping), ihre Kontexte gestalten (creating) und sich selbst im Kontextbezug entwickeln können (developing)“ (Petzold 1997, S. 451 f.).

Unsere Begriffsbestimmung schließt an die hier aufgeführten Definitionsvorgaben an und ergänzt sie um einige Aspekte. Gerade mit Blick auf die unterschiedlichen Handlungsfelder der Sozialen Arbeit erscheint es notwendig, den Ressource-Begriff über den Horizont des bedürfnis- und entwicklungspsychologischen Denkens hinaus insbesondere auf die Bearbeitung von strukturellen Alltagsbelastungen und auf die Verwirklichung von Lebenszielen und Identitätsprojekten auszudehnen.

Unter Ressourcen wollen wir somit jene positiven Personenpotentiale („personale Ressourcen“) und Umweltpotentiale („soziale Ressourcen“) verstehen, die von der Person
(1) zur Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse,
(2) zur Bewältigung altersspezifischer Entwicklungsaufgaben,
(3)  zur gelingenden Bearbeitung von belastenden Alltagsanforderungen,
(4) zur Realisierung von langfristigen Identitätszielen  genutzt werden können und damit zur Sicherung ihrer psychischen Integrität, zur Kontrolle von Selbst und Umwelt sowie zu einem umfassenden biopsychosozialen Wohlbefinden beitragen.

2. Ressourcentaxonomie – ein Klassifikationsschema für Personen- und Umweltressourcen

Die hier beispielhaft aufgeführten Definitionen, so instruktiv sie auch sein mögen, bleiben für die sozialpädagogische Praxis noch zu allgemein und sind wohl kaum geeignet, als Blaupausen einer gebrauchsfertigen Ressourcendiagnostik zu dienen. Wie also können wir konkret jene Kraftquellen benennen, die Menschen in schwierigen Lebenslagen Hilfe spenden? In der Forschungsliteratur werden stets zwei Klassen von Ressourcen unterschieden: Personenressourcen (auch: personale oder „internale“ Ressourcen) und Umweltressourcen (auch: soziale oder „externale“ Ressourcen). Personenressourcen – das sind lebensgeschichtlich gewachsene, persönlichkeitsgebundene Überzeugungen, Selbstkognitionen, Werthaltungen, emotionale Bewältigungsstile und Handlungskompetenzen, die der Einzelne in der Auseinandersetzung mit Alltagsanforderungen, Entwicklungsaufgaben und kritischen Lebensereignissen zu nutzen vermag und die ihm ein Schutzschild gegen drohende Verletzungen der psychosozialen Integrität sind. Umweltressourcen – das sind zum einen Beziehungsressourcen, die in Partnerbeziehung, Familienbindungen und Netzwerkstrukturen eingelagert sind; und das sind zum anderen strukturelle Ressourcen von Lebenslagensicherheit (Arbeitsmarktintegration; ökonomisches und kulturelles Kapital; Niveau der Teilhabe an Konsum und Öffentlichkeit). Anknüpfend an die konzeptuellen Vorarbeiten von Klemenz (2003) und Willutzki (2003) differenziert die folgende Übersicht diese beiden „Medaillenseiten“ von Ressourcen.


Personenressourcen

(1) physische Ressourcen

(2) psychische Ressourcen

(3) kulturelle und symbolische Ressourcen

(4) relationale Ressourcen

In Lebenskrisen und belastenden Lebenslagen:

Umweltressourcen

(1) soziale Ressourcen

(2) ökonomische Ressourcen

(3) ökologische Ressourcen

(4) professionelle (Dienstleistungs-)Ressourcen

Anknüpfend an noch unzureichend-wenige Vorgaben aus der psychologischen Forschung sollen im folgenden nun zwei unterschiedliche Instrumentarien der Ressourcendiagnostik vorgestellt und diskutiert werden: das offene Verfahren („Ressourceninterview“) und das geschlossene Verfahren („Kompetenzinventar“).

3. Das offene Verfahren der Ressourcendiagnostik –
das Ressourceninterview

Ein erstes Instrumentarium der Ressourcendiagnostik entstammt der klinischen Praxis der psychotherapeutischen Medizin. Schiepek/Cremer (2003) entwerfen in ihrem Beitrag zur Diskussion ein mehrdimensionales Assessmentverfahren, welches sie in der stationären psychotherapeutischen Praxis auf den Prüfstand stellen. Das von ihnen entwickelte Diagnostikum soll hierbei drei Kriterien erfüllen: (1) Dieses diagnostische Verfahren soll dem Klienten selbst als praktische Reflexionshilfe für seine Ressourcensituation hilfreich sein; (2) es soll zur Abschätzung von (quantitativen und qualitativen) Ressourcenveränderungen im Rahmen der Behandlungsevaluation tauglich sein; und es soll (3) nicht allein auf klinische Anwendungen beschränkt bleiben, sondern u.a. auch in pädagogischen Settings (mithin also auch in der Sozialen Arbeit) anwendbar sein (Schiepek/Cremer 2003, S. 153).
Der von uns bereits angesprochene Umstand, dass Menschen die für sie relevanten Ressourcen „eigen-sinnig“ und höchst unterschiedlich buchstabieren und das Universum denkbarer Ressourcen prinzipiell unendlich ist, führt die Autoren dazu, auf den Einsatz von standardisierten Ressourcen-Checklisten zu verzichten. Ihr Interesse richtet sich auf die vom Einzelnen konkret wahrgenommenen und erlebten Ressourcen, auf jene Ressourcen also, zu denen die Person einen bewussten kognitiven und emotionalen Zugang hat. Sie wählen ein, diesem offenen Zugang entsprechendes Verfahren: das offene Ressourceninterview. Dieses Interview versteht sich als eine „offene Einladung zur Selbstreflexion“, in der die Klienten sich ihre aktuell gegebenen Lebensherausforderungen vergegenwärtigen, die ihnen verfügbaren Ressourcen benennen und nach bestimmten Gesichtspunkten bewerten. Das Ressourceninterview, das sowohl in der Eingangsdiagnostik als auch in der abschließenden Ergebnisevaluation zum Einsatz kommen kann, gliedert sich in zwei Phasen: Am Anfang steht die offene biographische Erzählung, in der der Klient über für ihn relevante personale und soziale Ressourcen berichtet. Im zweiten Schritt folgt dann eine differenzierte Einschätzung und Bewertung der in der vorangehenden biographischen Erzählung aufgelisteten Ressourcen durch den Klienten selbst. Konkret sieht dies wie folgt aus (hier in einer vom Verfasser für die Praxis der Sozialen Arbeit angepassten Fassung; N.H.):


Gesprächsvorgabe („Regieanweisung“) zum diagnostischen Gespräch über Ressourcen:

„Ressourcen sind Kraftquellen – wie die französische Wurzel dieses Wortes nahe legt, denn „source“ bedeutet „Quelle“. Es sind Quellen, aus denen man all das schöpfen kann, was man zur Gestaltung eines zufriedenstellenden und guten Lebens braucht, was man braucht, um Probleme zu lösen oder mit Schwierigkeiten zurecht zu kommen. Das können sehr verschiedenartige Hilfen sein, denn jeder Mensch ist anders, und jede Situation, jede Herausforderung und Lebensphase braucht andere Ressourcen.

Ressourcen finden wir in uns selber, in persönlichen Fähigkeiten, Eigenschaften, Kompetenzen, Interessen und anderes mehr – wir sprechen hier von „personalen Ressourcen“. Kraftquellen und Unterstützung finden wir aber natürlich auch in Partnern, Freunden, Eltern und anderen wichtigen Menschen in unserer sozialen Umgebung – wir sprechen hier von „sozialen Ressourcen“.

Nehmen Sie sich jetzt ein wenig Zeit. Bitte überlegen Sie: Wenn Sie auf Ihr Leben und auf Ihre Lebensbelastungen in den letzten ... Monaten zurückblicken – was war da für Sie eine Ressource, die Sie haben nutzen können?“ (Der Zeitraum der persönlichen Rückschau ist in Abhängigkeit von der jeweiligen Problemstellung zu spezifizieren).

Nach Ende des Gesprächs werden die benannten Ressourcen von der Mitarbeiterin/dem Mitarbeiter der Institution zusammengefasst und aufgelistet. In der zweiten Phase des Ressourceninterviews bewertet der Klient jede einzelne Ressourcen nach folgenden Dimensionen (Rating auf einer Skala 0-10):


Schiepek/Cremer berichten über drei Ergebnisse aus der klinischen Erprobung:

(1) Das offene Verfahren der Ressourcendiagnostik liefert valide Daten einer Prozess-Outcome-Evaluation. Durch den Einsatz metrischer Skalierungen zu Beginn und zum Ende der klinischen Therapie lassen sich zuverlässig jene ‚Zugewinne’ vermessen, die sich für den Klienten im Verlauf des Therapieprozesses  im Hinblick auf Ressourcenausstattung und gelingende Ressourcennutzung ergeben. Die Ergebnisse der Forschung dokumentieren, dass gerade bei Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen die Ressource „soziale Unterstützung durch Partnerschaft/Familie/Freundschaft“ sowie die Ressource „Entspannung/Kreativität/Regulation der psychischen Befindlichkeit“ zu einer signifikanten Besserung des psychophysischen Wohlbefindens beitragen (vgl. Schiepek/Cremer 2003, S. 173 ff.).

(2) Das Ressourceninterview erfüllt aber nicht nur eine diagnostisch-bilanzierende Funktion, ihm kommt zugleich auch eine therapeutische Funktion zu. Gerade bei Menschen, die – eingesponnen in erlernte Hilflosigkeit – keinen Zugang zu ihren produktiven Ressourcen-Kapitalien haben, führt die Thematisierung der Ressourcenseite des eigenen Lebens während und nach dem Interview zu einer signifikanten „Veränderung der intrapsychischen Ressourcenrepräsentanz“ (Schiepek/Cremer 2003, S. 179). Anders formuliert: es öffnet sich der Wahrnehmungshorizont, der Klient findet einen kognitiv-emotionalen Zugang zu persönlichen Ressourcen und erfährt die eigene Biographie im veränderten Licht des Blickes auf die eigenen Lebensfähigkeiten und Bewältigungskompetenzen.

(3) Das Ressourceninterview – so die Autoren abschließend – kann über die Einzelfallhilfe hinaus auch in der Arbeit mit „Mehrpersonenkonstellationen“ (Familie; Freundschaftsnetzwerk; Arbeitsteam) Anwendung finden. Erfasst werden kann so u.a., vor welchen Herausforderungen die Gruppe aktuell steht, welche kollektiven Ressourcen zur Problemlösung benötigt werden und welche Ressourcenanteile von den einzelnen Mitgliedern der Gruppe ‚investiert’ werden können bzw. welche Ressourcen erst in einem gemeinsamen Entwicklungsprozess  kollektiv hergestellt werden müssen. Durch diesen gruppenbezogenen Einsatz eröffnen sich dem Ressourceninterview Anwendungsperspektiven im Bereich der Paar- und Familienberatung, in der Arbeit mit komplexen Freundschaftsnetzwerken wie auch im institutionellen Feld der Teamentwicklung (vgl. Schiepek/Cremer 2003, S. 182).

Soweit unser Überblick über einen ersten erfolgversprechenden Entwicklungspfad der Ressourcendiagnostik. Freilich: Mit Blick auf den Arbeitsalltag der Sozialen Arbeit bedarf es eines kritischen Kommentars. Erprobt wurde das Ressourceninterview wie beschrieben in der stationären psychotherapeutischen Praxis. Zu einem gelingenden Einsatz dieses Instrumentariums – daran lassen die Autoren keinen Zweifel – bedarf es Menschen, die über ein differenziertes Wahrnehmungs-, Reflexions- und Verbalisierungsvermögen im Hinblick auf ihr inneres Erleben und ihre sozialen Beziehungsmuster verfügen, Menschen also, die ihre ressourcenbezogenen Selbst- und Umwelterfahrungen ‚auf der Zungenspitze’ tragen. Die Alltagserfahrungen der Sozialen Arbeit dokumentieren aber immer wieder nachdrücklich, dass dieses Vermögen gerade bei Menschen, die die entmutigenden Abwärtsspiralen von Demoralisierung und erlernter Hilflosigkeit bis zum bitteren Ende durchlaufen haben, in der Regel nicht oder zumindest nicht zureichend gegeben ist. Für sie wird sich die hier vorgestellte offene und durch Reflexion und biographisches Gespräch zu füllende Form der Ressourcendiagnostik als nicht geeignet erweisen. Gerade mit Blick auf diese Menschen wird es somit notwendig sein, eine andere, die Selbstreflexion stärker strukturierende Form des Ressourcenassessments zu entwickeln.  

4. Das geschlossene Verfahren der Ressourcendiagnostik –
das Kompetenzinventar

Der Landschaftsverband Rheinland (überörtlicher Träger der Sozialhilfe) hat im Jahr 2003 das Erhebungsinstrumentarium „Individuelles Hilfsplanverfahren des Landschaftsverbandes Rheinland“ vorgestellt und für den institutionellen Bereich des „Betreuten Wohnens“ von Menschen mit Behinderung verbindlich eingeführt. Zum Einsatz kommt dieses diagnostische Erhebungsverfahren im Rahmen der Antragstellung und der individuellen Hilfeplanung, es dient somit in gleichen Teilen als Entscheidungsgrundlage für die Kostenübernahme durch die regional zuständige Hilfeplankonferenz wie auch als pädagogischer Leitfaden für die Entwicklungs- und Unterstützungshilfen der Einrichtung selbst. Zum konkreten Verfahren: Am Anfang steht für den behinderten Menschen eine erste Zeit des Probewohnens im Projekt „Betreutes Wohnen“, eine Zeit des wechselseitigen Kennenlernens, in der eine solide dialogische Basis zwischen dem Bewohner und einem ihm zugeordneten Bezugsbetreuer aufgebaut werden soll. Zum Ende dieser Eingangsphase wird sodann ein diagnostisches Gespräch zwischen beiden Parteien vereinbart, in dem eine umfassende Erhebung des individuellen Patchwork von Fähigkeiten und Beeinträchtigungen, von subjektiven Lebenszielen und notwendigen Unterstützungsbedarfen  auf der Tagesordnung steht. Im Mittelpunkt dieses diagnostischen Dialogs steht ein geschlossen-strukturiertes Kompetenzinventar, welches  die „Fähigkeiten und Ressourcen“ des Antragstellers wie auch seine „Störungen und Beeinträchtigungen“ in sehr differenzierter und operational formulierter Form dokumentiert. In dieses Inventar gehen Angaben zu folgenden  Kompetenzbereichen ein:

Kompetenzbereich: Alltägliche Lebensführung
Kompetenzbereich: Individuelle Basisversorgung
Kompetenzbereich: Gestaltung sozialer Beziehungen
Kompetenzbereich: Teilhabe am kulturellen und gesellschaftlichen Leben
Kompetenzbereich: Kognitive Kompetenzen und Orientierung
Kompetenzbereich: Psychische Kompetenz
Kompetenzbereich: Kommunikation
Lebensziele, Hindernisse, Zielvereinbarungen, gewünschte und erforderliche Hilfen.

Bislang liegen erst wenige Erfahrungen mit diesem geschlossenen Instrumentarium vor. Gleichwohl: Eine erste Erfahrungsbilanz ergibt Licht und Schatten. Auf der Sonnenseite ist zu vermerken, dass mit diesem Kompetenzinventar der Blick auf die Stärken, die Fähigkeiten und Talente von Menschen mit Behinderung zum ersten Mal systematisch verankert worden ist und dass damit im Handlungsfeld des Betreuten Wohnens eine neue mutmachende „Ressourcen-Kultur“ Einzug gehalten hat. Auf der Schattenseite bleibt festzuhalten, dass die sorgsame Durchführung des Kompetentinventars sehr zeitaufwändig ist und im Strom der pädagogischen Alltagsgeschäfte kaum zu leisten ist. Und ein weiterer Befund: Konzipiert ist dieses geschlossene Verfahren der Ressourcendiagnostik als ein Instrumentarium, in dem der Klient, hier also der behinderte Mensch, in authentischer Selbstäußerung seine ganz subjektive Sicht personaler Fähigkeiten und Beeinträchtigungen zu Protokoll gibt, der betreuende Sozialarbeiter sich hingegen mit Interpretationshilfen, Kommentierungen und (von der Sicht des Klienten ggf. abweichenden) Einschätzungen weitestgehend zurückhält. Hierzu bedarf es jedoch klarer ‚Regieanweisungen’ und auf Seiten des fallführenden Sozialarbeiters eines besonders sensiblen Umgangs mit der eigenen, von Berufsexpertise angeleiteten Interpretations- und Deutungsmacht. Eine erste empirische Analyse der diagnostischen Situation dokumentiert die reale Gefahr, dass der Sozialarbeiter dem Klienten beim Durchgang durch das Kompetenzinventar ‚die Hand führt’, konkret: dass vor allem expertenseitige Einschätzungen und Bewertungen zur Niederschrift kommen und dass die nicht in gleichem Maße artikulationsmächtigen Selbstäußerungen des behinderten Menschen vor allem dort, wo sie sich mit den Deutungen der Experten nicht decken, keinen ungefilterten Eingang in die Diagnosestellung finden. Und so bleibt auch dieses geschlossene Instrumentarium der Ressourcendiagnostik ein noch unfertiges Projekt, welches in Zukunft in weiteren Handlungsfeldern der stationären wie auch der ambulanten Sozialen Arbeit weiterzuentwickeln ist.   

Klemenz, B.: Ressourcenorientierte Diagnostik und Intervention bei Kindern und Jugendlichen, Tübingen 2003
Landschaftsverband Rheinland (LVR): Individuelles Hilfeplanverfahren des Landschaftsverbandes Rheinland: Betreutes Wohnen, Köln 2003 (veränderte Neuauflage 2005)
Lenz, A.: Empowerment und Ressourcenaktivierung. Perspektiven für die psychosoziale Praxis. In: Lenz, A./Stark, W. (Hg.): Empowerment. Neue Perspektiven für psychosoziale Praxis und Organisation, Tübingen 2002, S. 13-53
Nestmann, F.: Psychosoziale Beratung. Ein ressourcentheoretischer Entwurf. In: Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis 5/1996, S. 359-376
Nestmann, F.: Ressourcenorientierte Beratung, in: Nestmann, F./Engel, F./Sickendiek, U. (Hg.): Das Handbuch der Beratung. Band 2, Tübingen 2004, S. 725-735
Petzold, H.: Das Ressourcenkonzept in der sozial-interventiven Praxeologie und Systemberatung. In: Integrative Therapie 4/1997, S. 435-471
Schiepek, G./Cremer, S.: Ressourcenorientierung und Ressourcendiagnostik in der Psychotherapie. In: Schemmel, H./Schaller, J. (Hg.): Ressourcen. Ein
Hand- und Lesebuch zur therapeutischen Arbeit, Tübingen 2003, S. 147-192
Trösken, A./Grawe, K.: Das Berner Ressourceninventar. Instrumente zur Erfassung von Patientenressourcen aus der Selbst- und Fremdbeurteilungsperspektive. In: Schemmel, H./Schaller, J. (Hg.): Ressourcen. Ein Hand- und Lesebuch zur therapeutischen Arbeit, Tübingen 2003, S. 195-223
Willutzki, U. (2003): Ressourcen. Einige Bemerkungen zur Begriffsklärung. In: Schemmel, H./Schaller, J. (Hg.): Ressourcen. Ein Hand- und Lesebuch zur therapeutischen Arbeit, Tübingen, S. 91-109.

(Manuskript abgeschlossen: 14.4. 2006)

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