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Materialien 2

Norbert Herriger:
Empowerment - Brückenschläge zur Gesundheitsförderung

(veröffentlicht in: Loseblattwerk "Gesundheit: Strukturen und Arbeitsfelder". Ergänzungslieferung 4, Neuwied: Luchterhand-Verlag, 2002, S. 1-24)

1. Zugänge zu einer Definition von Empowerment

Empowerment - das ist heute eine Sammelkategorie für alle solchen Arbeitsansätze in der psychosozialen Praxis, die die Menschen zur Entdeckung der eigenen Stärken ermutigen und ihnen Hilfestellungen bei der Aneignung von Selbstbestimmung und Lebensautonomie vermitteln. Ziel der Empowerment-Praxis ist es, die vorhandenen (wenn auch vielfach verschütteten) Fähigkeiten der Adressaten psychosozialer Dienstleistungen zu autonomer Alltagsregie und Lebensorganisation zu kräftigen und Ressourcen freizusetzen, mit deren Hilfe sie die eigenen Lebenswege und Lebensräume selbstbestimmt gestalten können. Empowerment - auf eine kurze Formel gebracht - ist das Anstiften zur (Wieder-)Aneignung von Selbstbestimmung über die Umstände des eigenen Lebens.

Das Konzept des Empowerment, ursprünglich eine Importware aus dem Bereich der Gesundheitspsychologie und der Sozialen Arbeit der USA, gehört zu den Kursgewinnern auf dem psychosozialen Ideenmarkt. In seiner nur kurzen Rezeptionsgeschichte hat dieses neue Konzept auf breiter Front Eingang in die aktuellen Reformdiskurse gefunden und vielfältige Versuche stimuliert, den theoretischen Gehalt und den praktischen Gebrauchswert einer Perspektive zu erproben, die vom Vertrauen in die Stärken der Menschen geleitet ist. Der Siegeszug dieses neuen Orientierungsrasters ist nicht ohne Grund. Denn ohne Zweifel: Das Empowerment-Konzept ist für die gesundheitsbezogene Arbeit von hoher Attraktivität. Mit seiner Betonung von Selbstbestimmung und autonomer Lebensführung formuliert es eine programmatische Absage an den Defizit-Blickwinkel, der bis heute das Klientenbild der traditionellen psychosozialen Arbeit einfärbt. Der Adressat psychosozialer Dienstleistungen wird hier nicht mehr allein im Fadenkreuz seiner Lebensunfähigkeiten und Hilflosigkeiten wahrgenommen. Im Mittelpunkt stehen vielmehr seine Stärken und seine Fähigkeiten, auch in kritischen Lebensetappen die Umstände und Situationen seines Lebens selbstbestimmt zu gestalten.

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2. Der Abschied vom Defizit-Blick:
Menschenbild und Wertebasis des Empowerment-Konzeptes

Ausgangspunkt des Empowerment-Konzeptes ist eine deutliche Kritik an dem tradierten Klientenbild, das die Dienste und Einrichtungen der gesundheitlichen und psychosozialen Hilfe anleitet und die Köpfe der sozialen Professionals prägt. Dieses Klientenbild ist bis heute in weiten Passagen von einem Defizit-Blickwinkel auf den Menschen geprägt. Dies bedeutet: Die Adressaten psychosozialer Dienstleistungen, ihre Lebenserfahrungen und biographischen Geschichten, ihre Handlungsmuster und Bewältigungskompetenzen werden nur allzu oft allein in Kategorien von Mangel und Unfertigkeit wahrgenommen und in Metaphern, Sprachformen und Symbolismen des Defizits 'verpackt'. Die Folge dieses Defizit-Blicks aber ist, daß die vorhandenen Lebensfähigkeiten der Menschen, denen wir in der psychosozialen Arbeit begegnen, ihre produktiven Kapitale von Lebensbewältigung und Lebenskraft aus dem Blick geraten. Psychosoziale Arbeit ist so vielfach eine "Buchhaltung von Lebensschwächen" - eine Buchhaltung, die allein das Versagen, das Mißlingen, die Abwesenheit von Bewältigungskompetenz registriert, während hingegen die (trotz aller Alltagsniederlagen vorhandenen, aber lebensgeschichtlich verschütteten) Fähigkeiten, Stärken, Kompetenzen des einzelnen keinen Eintrag in dieses Bilanzbuch finden.

Das Empowerment-Konzept nun bricht mit diesem Blick auf die Schwächen und Abhängigkeiten. Menschen, die psychosoziale Unterstützung in Anspruch nehmen, werden hier nicht mehr als hilfebedürftige Mängelwesen angesehen. Ganz im Gegenteil: Die Adressaten psychosozialer Dienstleistungen werden - auch in Lebensetappen der Belastung und der Demoralisierung - in der Rolle von kompetenten Akteuren wahrgenommen, die über das Vermögen verfügen, ihre Lebenssettings in eigener Regie zu gestalten und Lebenssouveränität zu gewinnen. Dieses Vertrauen in die Stärken der Menschen, in produktiver Weise die Belastungen und Zumutungen der alltäglichen Lebenswirklichkeit zu verarbeiten, ist Zentrum und Leitmotiv der "Philosophie der Menschenstärken". Dieses Menschenbild, das der Empowerment-Praxis zugrunde liegt, umfaßt sechs Bausteine (vgl. ausführlich Herriger 2001, S. 73ff.):

Bausteine der Philosophie der Menschenstärken

Die hier benannten Bausteine einer "Philosophie der Menschenstärken" verweisen auf den ethischen Werterahmen, in den das Empowerment-Konzept eingespannt ist. Menschen - so die Grundüberzeugung des Empowerment-Konzeptes - sind Träger von unveräußerlichen Freiheitsrechten (das Recht auf freie Selbstbestimmung; rechtliche Gleichheit; Teilhabe an demokratischer Mitbestimmung und sozialer Gerechtigkeit u.a.). Diese Freiheitsrechte bilden das praxisethische Fundament der psychosozialen Arbeit - alle ihre Leistungen sind auf diesen Wertekatalog bezogen, und aus ihm schöpfen sie ihre Legitimation. Das Empowerment-Konzept ist der Wahrung dieser Freiheitsrechte in besonderem Maße verpflichtet, seine streitbare und engagierte Parteilichkeit gilt der Verwirklichung dieser unveräußerlichen Teilhabe-, Wahl- und Entscheidungsrechte. Wir können hier drei ethische Grundüberzeugungen benennen, die das Empowerment-Konzept, sein Menschenbild und sein methodisches Handeln anleiten:
(1) Die Wahrung von Selbstbestimmungsrechten: Menschen haben ein Recht auf Eigen-Sinn, Unterschied und Diversität. Sie haben das Recht, diese Eigen-Sinnigkeit (dort, wo sie die Freiheit der anderen nicht gefährdet und verletzt) auch gegen den Mainstream gesellschaftlicher Normalitätsstandards zu behaupten und zu leben. Aus diesem Glauben an das unveräußerliche Recht auf Autonomie erwachsen für die Empowerment-Arbeit zwei ethische Verpflichtungen: zum einen ein stetig wachsames parteiliches Eintreten für Mündigkeitsrechte und gegen Eingriffe in das Recht der Adressaten auf Eigenverfügung und Selbstbestimmung ("ein streitbares advokatorisches Engagement"); und zum anderen eine sensible selbstreflexive Eingrenzung der eigenen Expertenmacht, so daß der helfende Dialog nicht in ein bevormundendes Diktat von Normalität und in eine fürsorgliche Kontrolle von Lebenssouveränität umschlägt ("der Abschied von expertokratischen Mustern der Hilfe").
(2) Das Eintreten für soziale Gerechtigkeit: Dieser zweite Grundwert thematisiert die gesellschaftlichen Strukturen sozialer Ungleichheit, d.h. die sozial ungleiche Verteilung von materiellen Lebensgütern (Niveau und Sicherheit des verfügbaren Einkommens und Vermögens) und immateriellen Lebensgütern (Gesundheit; Bildung; soziale Sicherung; Inklusion in Anerkennungsgemeinschaften). Die Philosophie des Empowerment bleibt hier - auch in Zeiten einer konservativen Rückwendung und eines durchgreifenden Reformpessimismus - einem sozialaufklärerischen Programm verpflichtet. Es ist Ziel der Arbeit, Menschen ein kritisches Bewußtsein für die Webmuster der sozial ungleichen Verteilung von Lebensgütern und gesellschaftlichen Chancen zu vermitteln und sie zu sozialer Aktion und politischer Selbstvertretung anzustiften.
(3) Das Einlösen von Rechten auf demokratische Partizipation: Der dritte normative Grundpfeiler des Empowerment-Konzeptes ist das Prinzip Bürgerbeteiligung. Empowerment-Prozesse zielen auf die Stärkung der Teilhabe der Bürger an Entscheidungsprozessen, die ihre personale Lebensgestaltung und ihre unmittelbare soziale Lebenswelt betreffen. Sie zielen auf die Implementation von Verfahren einer "partizipatorischen Demokratie", die ihren Wünschen und Bedürfnissen nach Mitmachen, Mitgestalten, Sich-Einmischen in Dienstleistungsproduktion und lokale Politik Rechnung tragen und eine eigenverantwortliche Gestaltung von lokalen Umwelten zulassen.

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3. Ebenen und methodische Werkzeuge des Empowerment

Wenden wir uns nun den Handlungsebenen und den Methoden einer psychosozialen Arbeit zu, die Menschen zur Entdeckung der eigenen Stärken anstiften will und sie in die Rolle von autonomen Regisseuren der eigenen Lebensgeschichte einsetzen möchte. In der Literatur werden in der Regel vier Ebenen des Empowerment unterschieden, denen je eigene methodische Werkzeuge korrespondieren (vgl. ausführlich Herriger 2001, S. 85ff.):

(1) die Individualebene — die Gestaltung lebenswerter Lebenssettings:
Beispiele für eine praktische Umsetzung des Empowerment-Konzeptes auf der Individualebene entstammen überwiegend dem Handlungsfeld der Beratung und der sozialen Einzelhilfe. Gemeinsam ist diesen personenbezogenen Arbeitsansätzen der Versuch, der betroffenen Person Auswege aus belastenden Lebenssituationen zu erschließen. Der Kontrakt zwischen Berater und Klient hat das Ziel, Hilfestellungen zu vermitteln, vermittels derer der Betroffene aus einer Situation der Niedergeschlagenheit und Resignation heraus das Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen vermag, verschüttete Kraftquellen von Kompetenz und Vermögen entdeckt und zur Gestaltung relevanter Lebensausschnitte einsetzt. Hier kommen drei, einander ergänzende methodische Werkzeuge zum Einsatz:

Unterstützungsmanagement: Werkzeug der Empowerment-Arbeit auf der Individualebene ist zunächst einmal das Unterstützungsmanagement. Unterstützungsmanagement (case management) ist nach dem Verständnis von Wendt (1995; 1999) ein ganzheitliches unterstützendes Arrangieren von Lebensressourcen. Auf der Grundlage einer gemeinsamen Verständigung über Zielsetzungen und Schrittfolgen werden verfügbare Hilferessourcen in der privaten Lebenswelt und im öffentlichen Gesundheitssystem zu einer 'konzertierten Unterstützungsaktion' zusammengeführt. Auf diese Weise konstituiert sich ein grenzübergreifendes Ressourcen-Netzwerk, das in Lebenszeiten der Belastung spürbare Entlastung und Hilfestellung zu geben vermag.

Selbstnarration und Biographiearbeit: Dieser zweite methodische Baustein verknüpft die Empowerment-Arbeit mit Konzepten der Biographiearbeit (vgl. Herriger 1998; Kade 1994; Keupp u.a. 1999; Kraus 1996). Die Grundüberzeugung dieser neuen biographischen Arbeitsansätze ist es, daß Menschen Lebenskohärenz, also die sichernde Erfahrung der Sinnhaftigkeit der eigenen Lebensgeschichte und Lebenswege, in Selbsterzählungen (Selbstnarrationen) konstruieren. Das gemeinsame Anliegen aller biographischen Arbeitsansätze ist es daher, Gelegenheiten zu eröffnen, in denen Menschen in diskursiver Form die für sie identitätsrelevanten Ereignisse der eigenen Lebensgeschichte 'zur Sprache bringen' und in der sozialen Präsentation dieser Lebenserzählung ein Gefühl von Selbstwert und Lebensgelingen entwickeln können. Das erzählende (Wieder-)Aufgreifen von biographischen Fäden hat zum Ziel, Würde und Wert des eigenen Lebens - allen Lebensniederlagen und Verlusten zum Trotz - zu erinnern, die Schatten negativ eingefärbter Selbst-Typisierungen zu bannen und Schutzschilder gegen Identitätsreduktionen und Ohnmachtserfahrungen aufzubauen. Die narrative Praxis eröffnet auf diese Weise Möglichkeitsräume, in denen der einzelne Sprache finden kann und in der reflexiven Aneignung der lebensgeschichtlichen Erfahrungen Werkzeuge für die Bearbeitung des Zurückliegenden und Orientierungen für das noch unbekannte Zukünftige gewinnen kann.

Kompetenzdialog: Werkzeug der Empowerment-Arbeit schließlich der Kompetenzdialog. Der Kompetenzdialog (vgl. Herriger 1996) ist ein 'Joint Venture' der Konstruktion von Lebenszukünften. Ziel der gemeinsamen Verständigung ist die Entdeckung klientenseitiger Fähigkeiten und Bewältigungskompetenzen und deren Einsatz zur schrittweisen Veränderung von Lebenssettings. Der Kompetenzdialog umfaßt drei konkrete Arbeitsschritte: (1) der Entwurf einer für den Klienten nach eigenen Maßstäben wünschenswerten Lebenszukunft; (2) die Thematisierung lebensgeschichtlich zurückliegender Zeiten und Situationen, die dem Betroffenen in der Vergangenheit signifikante Erfahrungen von Kompetenz, Gelingen und Selbstwert vermittelt haben; und (3) die Erarbeitung eines machbaren und nicht überfordernden Entwicklungsplanes, der die Erreichung dieser produktiven Lebensziele unter Einsatz vorhandener Kompetenzressourcen möglich werden läßt.

(2) Die Gruppenebene - das Stiften von Zusammenhängen:
Empowerment ist aber nicht nur Ergebnis eines einzelfallbezogenen Settings von Beratung und Begleitung. In vielen (vielleicht sogar den meisten) Fällen ist Empowerment das Produkt einer 'konzertierten Aktion'- das gemeinschaftliche Produkt von Menschen also, die sich zusammenfinden, ihre Kräfte bündeln und gemeinsam beginnen, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen. Anschauungsmaterialien für diese eigeninitiierten und dynamisch verlaufenden Gruppenprozesse finden sich in unterschiedlichen Handlungsfeldern: in der Netzwerkarbeit mit Familien-, Freundschafts- und Gleichaltrigen-Systemen; in der Unterstützung von Selbsthilfegruppen; in der Arbeit mit kommunalpolitisch engagierten Bürgerinitiativen. In all diesen Feldern sozialer Aktion sind Empowermentprozesse in sozialer Gemeinschaft eingelagert, vollzieht sich die Entfaltung personaler Kräfte in der stärkenden Gemeinschaft mit anderen. Für die psychosoziale Arbeit ergibt sich damit auf dieser gruppenbezogenen Ebene die Aufgabe, Menschen miteinander zu verknüpfen und ihnen Aufbauhilfen bei der Gestaltung von unterstützenden Netzwerken zu vermitteln. In das Zentrum der sozialen Praxis tritt so das Stiften von fördernden Netzwerkstrukturen, in denen Menschen gemeinsam mit anderen Ressourcen für eine selbstbestimmte Lebensgestaltung entdecken. Hier kommen zwei methodische Werkzeuge zum Einsatz (vgl. Bullinger/Nowak 1998; Röhrle/Sommer/Nestmann 1998):

Netzwerkanreicherung - das Kitten von Beziehungsrissen: Arbeitsansätze der Netzwerkanreicherung zielen auf Beziehungsnetzwerke, die auf gewachsenen familiären, verwandschaftlichen oder freundschaftlichen Beziehungen beruhen und die ein relativ hohes Maß an Vertrautheit implizieren. Anliegen der Arbeit auf dieser Ebene ist es, Verbindungen, die sich mit der Zeit gelockert haben, enger zu knüpfen, die Risse zwischen auseinandergerissenen Netzwerkteilen zu kitten, den Austausch und die zielgenaue Nutzung von sozialen Unterstützungsleistungen zu intensivieren. Methodisches Instrument dieser Vernetzung ist die Netzwerk-Konferenz, die eine Plattform bereitstellt, auf der es möglich wird, die verfügbaren Unterstützungsressourcen und Hilfebereitschaften des natürlichen Netzwerkes zu bündeln und zu einem konzertierten Hilfe-Arrangement zu verknüpfen.

Netzwerkförderung - das Stiften neuer sozialer Zusammenhänge: Vielfach steht die psychosoziale Arbeit jedoch vor der Situation, daß problemadäquate natürliche Unterstützungsnetzwerke - aufgrund einer durchgreifenden Individualisierung der Lebenswelten und der darin eingelagerten Vereinsamung von Menschen - nicht verfügbar sind. Hier kommt der sozialen Arbeit die Aufgabe zu, Gemeinschaft neu zu inszenieren, indem sie Menschen mit gleichartigen Betroffenheiten und Anliegen miteinander in Kontakt bringt und durch diese initiale Vernetzung Zugänge zu sozialer Teilhabe und Partizipation eröffnet. Soziale Arbeit ist hier Wegweiser zu Personen, die in gleicher Weise kritische Lebensabschnitte durchlaufen. Sie ist zugleich Starthilfe und organisatorisches Rückgrat für diese neu entstehenden Beziehungsnetze und Selbsthilfegruppen und fachliche Beratung in kritischen Etappen des Gruppenprozesses. Nicht minder wichtig ist es schließlich, Initiativgruppen, die eine größere thematische Nähe aufweisen, miteinander ins Gespräch zu bringen und zu einem koordinierten Ganzen zu verbinden, das Perspektiven einer solidarischen Zusammenarbeit über die Grenzen der Einzelinteressen hinweg sichtbar werden läßt.

(3) Die institutionelle Ebene - die Förderung von Bürgerbeteiligung:
Empowerment auf institutioneller Ebene zielt auf die Stärkung und Verbreiterung von Bürgerbeteiligung und zivilem Engagement. Gefragt sind hier Gegenrezepte gegen den resignativen Rückzug der Bürger ins Private. Gefragt ist ein strittiges Sich-Einmischen der Bürger - ihre aktive Einflußnahme auf kommunale Belange, auf soziale Dienstleistungsprogramme und lokale Politikvorhaben. Zündfunke des bürgerschaftlichen Engagements ist vielfach die Erfahrung betroffener Bürger, 'vor verschlossenen Türen zu stehen'. Obwohl das Prinzip 'Bürgerbeteiligung' spätestens seit den 60er Jahren auf der Tagesordnung steht, ist die Wirklichkeit hinter den Fassaden administrativer Hochglanzbroschüren und politischer Festreden eher grau: Nach wie vor stoßen engagierte Bürger, die ihre sozialen Anliegen und Interessen kollektiv artikulieren und in Einrichtungen, Verbände, Verwaltungen und Parteien hineintragen, auf eine Mauer der Unzugänglichkeit. Der Bürgerwille - so scheint es - ist an diesen Orten vielfach 'nicht gefragt', da er mit institutionenseitigen Sichtweisen, Interessen und Handlungslogiken nicht deckungsgleich ist, altvertraute Routinen stört und ein neues, unkonventionelles Denken und Handeln herausfordert. Empowerment-Arbeit auf dieser Ebene des administrativen-politischen Systems meint hier: die Stärkung der Responsivität von Einrichtungen, Verwaltungen und Politik für Bürgerbelange und die Etablierung von Verfahren formaler Beteiligung, die sachverständigen Bürgern ein Mandat im Prozeß der Planung, Gestaltung und Implementation von psychosozialen Dienstleistungen geben. Erste modellhafte Erprobungen solcher Partizipationsverfahren - die sogenannten "Bürgerbeiräte" - eröffnen hier neue Perspektiven: Sie sehen die Einberufung von Beiräten auf der Leitungsebene der sozialen Dienste wie auch auf der Ebene der lokalpolitischen Ausschüsse vor, in denen engagierte und in der Regel zugleich 'problembetroffene' Bürger ein formales Mandat ausüben (z.B. Beirat für die Belange von Menschen mit Behinderung; Beirat für Fragen der gemeindlichen psychosozialen Versorgung; Beirat für kommunale Seniorenarbeit). Die Betroffenen treten hier ein in die Rolle von 'aktiven Konsumenten'; sie werden auch im administrativ-politischen Raum zu 'Experten in eigener Sache', die in zweierlei Weise Einfluß ausüben: zum einen durch die Mitwirkung auf der Ebene der Konzeptentwicklung und der Planung von Dienstleistungen; und zum anderen durch die kritische Überprüfung und Evaluation der Implementation dieser Dienstleistungsprogramme.

(4) die Gemeindeebene - das Schaffen eines förderlichen Klimas für Selbstorganisation
Empowerment auf der Nachbarschafts- und Gemeindeebene schließlich zielt auf die Schaffung eines förderlichen lokalen Klimas für die Selbstorganisation und Partizipation von Menschen. Gemeindliches Empowerment lebt vom erklärten politischen Willen wie auch von der Implementation vielfältiger Programme und Initiativen, in denen Vertreter von Politik, Dienstleistungsbehören, Verbänden usw. und engagierte Bürger kooperativ und gleichberechtigt Facetten der lokalen Lebensqualität umgestalten. Beispiele für mutmachende Programme der 'community organization' kommen zu uns vorwiegend über den großen Teich: So berichtet Etzioni (1994) über die "Seattle-Saga": Hier gelang es privaten Bürgerinitiativen der Stadt Seattle, mehr als 400.000 Einwohner - nahezu die Hälfte der Wohnbevölkerung - in Kurse einzubinden, in denen die Rettungstechnik der Herz-Lungen-Reanimation vermittelt und diese Kenntnisse fortlaufend aufgefrischt wurden. Die Folge war nicht nur eine signifikant verbesserte Akutversorgung von Infarktpatienten. Diese Programme stifteten darüber hinaus ein produktives Klima der Zusammengehörigkeit (sense of community), eine Verminderung von Vereinzelungserfahrungen und eine verstärkte Identifikation der Bewohner mit der lokalen Gemeinschaft. Diese positiven Erfahrungsqualitäten - so Etzioni - strahlen aus: sie sind Zündfunken eines neuen aktiven Gemeinsinns und einer kollektiven Verpflichtung auf soziale Güter (vgl. auch Etzioni 1995; 1998). Vergleichbare Erfahrungen liegen auch aus dem Kontext des "Healthy Cities-Programms" der Weltgesundheitsorganisation vor: Auch hier wurden in einem Joint Venture und in gemeinsamer Verantwortung von Gesundheitsdienstleistern und engagierten Bürgern Projekte erarbeitet und realisiert, die weit über einen engen Gesundheitsfokus hinaus Beiträge zu einer Verbesserung der kommunalen Lebensqualität 'in kleinen Schritten' sind (architektonische Wohn(umfeld-)gestaltung; Einrichtung von Wohnungstauschbörsen und arbeitsbezogenen Tauschringen; Einflußnahme auf die inhaltliche Gestaltung von Erziehungs-, Beratungs- und Freizeit-Dienstleistungsprogrammen in Form von "Nutzer-Beiräten"; Schaffung von "Bürgerparlamenten" mit einem förmlichen politischen Mandat usw.).

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4. Empowerment in der Gesundheitsförderung

In unseren bisherigen Ausführungen haben wir das Menschenbild, die Wertematrix und das methodische Handwerkszeug der Empowerment-Praxis im psychosozialen Feld thematisiert. Wenden wir uns nun dem Handlungsbereich der Gesundheitsförderung zu. Ein kurzer Blick zurück dokumentiert hier vor allem eines: Empowerment-Gedanken prägen bereits seit langen Zeiten Konzeption und Praxis auch der Gesundheitsförderung. So unterschiedlich die Arbeitsansätze im Detail auch sein mögen - gemeinsam ist allen Programmen und Projekten der Gesundheitsförderung die Überzeugung, daß Menschen dort, wo sie ihr Leben aktiv gestalten lernen und sich als autonome Regisseure der eigenen Biographie konstruieren, ein wichtiges Fundament für Gesunderhaltung und umfassendes Wohlbefinden legen. Die Ottawa-Charta der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Gesundheitsförderung aus dem Jahre 1986 und die darauf aufbauende Initiative "Gesunde Städte" sind von dieser Grundüberzeugung in besonderer Weise geprägt. In der Ottawa-Charta heißt es: "Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozeß, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Lebensumstände und Umwelt zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen. Um ein umfassendes körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden zu erlangen, ist es notwendig, daß sowohl einzelne als auch Gruppen ihre Bedürfnisse befriedigen, ihre Wünsche und Hoffnungen wahrnehmen und verwirklichen sowie ihre Umwelt meistern bzw. verändern können" Und etwas später: "Gesundheit wird von Menschen in ihrer alltäglichen Umwelt geschaffen und gelebt: dort, wo sie spielen, lernen, arbeiten und lieben. Gesundheit entsteht dadurch, daß man sich um sich selbst und für andere sorgt, daß man in die Lage versetzt ist, selber Entscheidungen zu fällen und eine Kontrolle über die eigenen Lebensumstände ausüben sowie dadurch, daß die Gesellschaft, in der man lebt, Bedingungen herstellt, die allen ihren Bürgern Gesundheit ermöglichen". Ergänzend heißt es in den programmatischen Aussagen der WHO zur gesunden Stadt der Zukunft: "Sie (die gesunde Stadt) verbessert kontinuierlich die physischen und sozialen Lebensbedingungen und fördert die Entfaltung gemeinschaftlicher Aktions- und Unterstützungsformen, beides mit dem Ziel, die Menschen zur wechselseitigen Unterstützung in allen Lebenslagen zu befähigen und ihnen damit die maximale Entfaltung ihrer Anlagen zu ermöglichen".

Zur Umsetzung der Zielvorstellungen werden drei grundlegende Handlungsstrategien der Gesundheitsförderung formuliert.

Diese programmatischen Positionsbestimmungen der WHO machen folgendes deutlich: (1) Gesundheitsförderung wird angeleitet von einem Gesundheitsbegriff, der nicht die Abwesenheit von Krankheit in den Mittelpunkt stellt, sondern ein umfassendes bio-psycho-soziales Wohlbefinden, in dem sich körperliche Integrität, emotionale Balance und soziale Integration verknüpfen. (2) Ein solches umfassendes Wohlbefinden stellt sich dort ein, wo Menschen (ganz im Sinne des Empowerment-Konzeptes) das eigene Vermögen entdecken und entwickeln, handelnd relevante Ausschnitte der Umwelt (Gesundheit; Arbeit; Beziehungen usw.) zu gestalten und Vertrauen in die verfügbaren Eigenkapitale von Kompetenzen und Ressourcen gewinnen. (3) Wohl eine der wichtigsten salutogenen Ressourcen ist die soziale Integration in unterstützende soziale Netzwerke. Beziehungsnetzwerke befriedigen affiliative Bedürfnisse (soziale Zugehörigkeit; Aufgehoben-Sein; soziale Sicherheit); sie vermitteln Erfahrungen von Selbstwert und sozialer Anerkennung; sie geben Orientierung und mindern kognitive Unsicherheit; und sie sind kollektive Kraftquellen für bürgerschaftliches Engagement und (gesundheits-)politische Selbstgestaltung in kleinen sozialen Kreisen.

Ausgehend von diesen Grundpositionen ist der Brückenschlag zwischen Empowerment und Gesundheitsförderung nicht schwer: Eine Gesundheitsförderung, die sich vom Konzept des Empowerment anleiten läßt, folgt zwei Zielrichtungen: Ziel ist es zum einen, Menschen Hilfestellungen zu vermitteln derart, daß sie sich mit den bio-psycho-sozialen Belastungen ihrer Umwelt in konstruktiver Weise auseinandersetzen können und in dieser Auseinandersetzung ihre Anliegen und Wünsche auf Selbstbestimmung, Autonomie und Lebensgelingen verwirklichen. Gesundheitsförderung - so verstanden - ist das Zuliefern von Ressourcen für individuelle Prozesse der Salutogenese. Ziel ist es zum anderen, Menschen mit gleichen Interessen und Anliegen miteinander zu vernetzen (die Förderung von Selbstorganisation und Solidarität) und ihnen an den unterschiedlichsten Orten (Dienste und Einrichtungen des Gesundheits- und Rehabilitationssystems; Sozialverwaltung; Verbände; lokale Politik) Gelegenheitstrukturen für demokratische Partizipation bereit zu stellen, die es ihnen möglich machen, sich in politische Planungs-, Entscheidungs- und Implementationsprozesse einzumischen und auf der Bühne der lokalen Öffentlichkeit für ein Mehr an sozialer Gerechtigkeit zu streiten. Gesundheitsförderung in diesem Sinn ist (über den engen Fokus von Wohlbefinden und gelingendem individuellen Lebensmanagement hinaus) das Anstiften zur Solidarität und die Förderung einer Politik der bürgerschaftlichen Teilhabe (vgl. in diesem Sinn auch Nestmann 1999, 2000).

Die personenbezogenen Arbeitsansätze der Gesundheitsförderung, die die erstgenannte Zielsetzung verfolgen (die Förderung von Prozessen der Salutogenese durch gesundheitliche Aufklärung, Gesundheitserziehung, Gesundheitsbildung und Gesundheitsberatung), sind in diesem Sammelwerk an anderem Ort umfassend dargestellt. Hier nun wollen wir die zweite Zielsetzung mit einigen weiterführenden Hinweisen kommentieren: Gesundheitsförderung also als die Förderung einer "Politik der bürgerschaftlichen Partizipation". In den Blick rücken hier die vielfältigen Orte und Szenarien des bürgerschaftlichen Engagements. Das freiwillige soziale Engagement der Bürger umfaßt alle freiwillig und unentgeltlich erbrachten Aktivitäten von Menschen, die sie in gemeinschaftlicher Form und in eigener Verantwortung ausführen, um Lebensprobleme zu bewältigen, Umweltstrukturen zu verändern oder anderen zu helfen. Das bürgerschaftliche Engagement kennt viele Spielarten. Es umfaßt (1) die Gesundheitsselbsthilfe in freien Organisationen und Initiativgruppen, (2) das Ehrenamt in Einrichtungen des Gesundheitssystems, in Wohlfahrtsverbänden und anderen sozialen Organisationen und (3) die bürgerschaftlichen Initiativen, die in kritischer sozialer Einmischung gemeinschaftliche sozial- und gesundheitspolitische Interessen verfolgen. Gemeinsam ist all diesen Feldern sozialer Aktion, daß sie kollektive Antworten auf Erfahrungen des Ausgeliefert-Seins formulieren. Prozesse des Empowerment sind hier in sozialer Gemeinschaft eingelagert, sie vollziehen sich in der stärkenden Gemeinschaft mit anderen ("die Ressource Solidarität").

In der aktuellen Forschungslandschaft finden sich vielfältige Belege für die salutogene Wirkung dieser neuen Netze einer zivilen Selbstvertretung. Diese neuen Vergemeinschaftungsformen - so diese Befunde - stiften neue Zugehörigkeiten und Solidaritätsräume, sie vermitteln in Gemeinschaft aufgehobenen Sinn, Orientierung und soziale Rückbindung. Diese Gemeinschaften sind in dieser Sichtweise neue Orte der sozialen Inklusion, in denen engagierte Bürger Erfahrungen sammeln, die ihr subjektives Wohlbefinden bestärken und ihnen ein Schutzschild gegen biographische Brüche und gesundheitliche Belastungen sein können. Die neuen Gemeinschaften erfüllen hierbei vier unterschiedliche Funktionen:

Vor dem Hintergrund dieses Wissens um die produktiven salutogenen Effekte von zivilem Engagement und solidarischer Vernetzung ergeben sich neue Ansprüche und Anforderungen an Sozialpolitik und psychosozialen Dienstleistungsmarkt: Sozialpolitik muß Ressourcen schaffen und psychosoziale Arbeit muß verläßliche Hilfen bereitstellen dort, wo im System der gesellschaftlichen Ungleichheit das entsprechende Kapital fehlt, um soziale Netzwerke und solidarische Gemeinschaften in eigener Kraft aufzubauen. "Gefordert sind professionelle Ziele und Kompetenzen, die Prozesse von solidarischer Vernetzung und Selbstorganisation vor allem dort zu initiieren und zu unterstützen versuchen, wo sie auf der Basis der vorhandenen psychischen und sozialen Ressourcen nicht von selbst entstehen können. Es gilt, Projekte zur Gewinnung kollektiver Handlungsfähigkeit zu unterstützen, und dies speziell dort, wo die vorhandenen Ressourcen für einen autonomen Prozeß von gesellschaftlicher Selbstorganisation nicht ausreichen" (Keupp 1992, S. 151). In das Zentrum einer Politik und Praxis des Empowerment tritt hier eine spezifische Zielsetzung: das Stiften von Zusammenhängen - d.h. die Inszenierung, der Aufbau und die Weiterentwicklung von fördernden Strukturen, die die Selbstorganisation von Menschen unterstützen und kollektiv hergestellte Ressourcen für eine selbstbestimmte Lebensgestaltung freisetzen.

Das Stiften von tragfähigen Zusammenhängen ist Anspruch und Tätigkeitsfeld vielfältiger neuer Service-Agenturen im intermediären Raum. Diese Service-Agenturen, die seit Mitte der 80er Jahre vielerorts entstanden sind und die sich in der Zwischenzeit als lokale Zentren der Selbsthilfe-Förderung etabliert haben, tragen eine verwirrende Vielzahl von Namen: "Informations- und Kontaktstelle für Selbsthilfe und ehrenamtliche Mitarbeit"; "Regionale Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen"; "Servicebüro für freiwilliges Engagement"; "Netzwerk Selbsthilfe" u.a.m. Angesiedelt an der Schnittstelle zwischen der einzelnen Person und der Sphäre der Öffentlichkeit, zwischen Selbsthilfe und professionellem Dienstleistungssystem erfüllen sie vielfältige vermittelnde, vernetzende, überbrückende Funktionen. Sie öffnen den Zugang von Einzelpersonen zu solidarischen Gemeinschaften, von Gemeinschaften zur institutionalisierten Welt von Politik, Verwaltung und marktlichen Dienstleistungsträgern und wirken auf diese Weise als ein Gegengewicht gegen die zentrifugalen Kräfte der Individualisierung. Ziel dieser intermediären 'Schaltzentralen' im Feld der Selbstorganisation ist es, die Zugangsschwellen zur Sphäre des bürgerschaftlichen Engagements zu senken, Menschen mit gleichgelagerten Anliegen, Interessen und Bedürfnissen miteinander zu vernetzen und durch das Arrangement von förderlichen Rahmenbedingungen Prozesse der Selbstorganisation anzustoßen (eine Übersicht über Entwicklungsgeschichte, Unterstützungsangebote und Zukunftsperspektiven dieser Service-Einrichtungen in Sachen Selbsthilfe findet sich in den Arbeiten von Beher/Liebig/Rauschenbach 1998; 2000 und Braun/Kettler/Becker 1997).

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5. Die Produkte erfolgreicher Empowerment-Prozesse:
Psychologisches und politisches Empowerment

Die (auch empirisch dokumentierte) Literatur zum Thema Empowerment füllt in den USA bereits ganze Bibliotheken. In der nun einsetzenden Rezeption dieses Wissensbestandes auch im deutschen Sprachraum rückt eine Fragestellung in den Mittelpunkt: die Frage nach den Maßstäben, an denen sich erfolgreich abgeschlossene Empowerment-Prozesse messen lassen. Wie kann man die Meßlatte definieren, an der sich gelingende Geschichten der Wiederaneignung von Selbstbestimmung und Autonomie abtragen lassen? Welches sind die produktiven Kapitale, die sich Menschen auf ihren "Reisen in die Stärke" aneignen? Hier fallen die Antworten der Forschung recht unterschiedlich aus. In einer groben Typisierung können wir zwei "Produkte" erfolgreicher Empowerment-Prozesse unterscheiden: "psychologisches (psychological) Empowerment" und "politisches (community) Empowerment".

(1) Empowerment - psychologisch gefaßt:
Psychologisches Empowerment beschreibt die individuellen Niederschläge von Empowerment-Erfahrungen, d.h. die Veränderungen in der psychischen Ausstattung der Menschen. Diese Veränderungen sind in der Literatur in unterschiedlichen Begrifflichkeiten gefaßt worden. Gemeinsam ist diesen das Bild des Schutzschildes: Menschen - an den Endstationen mutmachender Reisen in die Stärken angekommen - erwerben das Schutzschild einer spezifischen seelischen Widerstandsfähigkeit, das es ihnen in ihrer weiteren Biographie möglich macht, die Bedrohungen und Gefährdungen erneuter Hilflosigkeit abzuwehren und Gesundheit auch in kritischen Lebensetappen zu wahren.

Besondere Beachtung hat in dieser Debatte das salutogenetische Konzept des israelisch-amerikanischen Gesundheitspsychologen Aaron Antonovsky (1987; 1997) gefunden. Psychologisches Empowerment kann im Anschluß an Antonovsky inhaltlich bestimmt werden als die Entwicklung und die Bestärkung eines Gefühls der Kohärenz (sense of coherence). Das Gefühl der Kohärenz ist nach Antonovsky ein identitätssicherndes Empfinden der 'Lebensganzheit', in dem ein positives Bild der eigenen Handlungsfähigkeit, das sichere Wissen um die Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens und die Gewißheit der eigenen Handlungskompetenzen zusammenfließen. In den Worten von Antonovsky: "Das Gefühl der Kohärenz ist eine globale Orientierung, die ausdrückt, in welchem Maße man ein durchgehendes, überdauerndes und dennoch dynamisches Gefühl der Zuversicht hat, daß (1) die Ereignisse der eigenen inneren und äußeren Umwelt im Laufe des Lebens strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind; (2) die Ressourcen verfügbar sind, um den durch diese Ereignisse gestellten Anforderungen gerecht zu werden; und (3) diese Anforderungen als Herausforderungen zu verstehen, die es wert sind, daß man sich für sie einsetzt und engagiert" (Antonovsky 1987, S. 19). Er nimmt an, daß eine hohe Ausprägung von "sense of coherence" Menschen die Möglichkeit gibt, gesundheitliche Krisen erfolgreich zu bearbeiten und Widerstandskraft gegen Erkrankung auch in Zeiten der Gefährdung und Belastung zu wahren, während umgekehrt eine geringe Ausprägung Menschen im Hinblick auf Gesundheit und psychosoziales Wohlbefinden verletzlich macht. "Sense of Coherence" umfaßt nach Antonovsky folgende drei Komponenten:

Vor allem dort, wo Menschen in kritische Lebensetappen eintreten, erweist sich das Kohärenz-Gefühl als eine bedeutsame Ressource der Gesunderhaltung und der Identitätsstabilisierung. Menschen, die ihr aktuelles Leben, ihre Biographie und ihre sozialen Netzwerke als 'stimmig' und 'wertvoll' erachten, verfügen über ein bedeutsames "inneres Kapital", das es ihnen möglich macht, Krisenzeiten produktiv zu bewältigen. Forschungsarbeiten, die dieses theoretische Konstrukt auf den empirischen Prüfstand gestellt haben, haben eindrucksvolle Belege für die bemächtigende Kraft des "sense of coherence" aufgefunden: Das Gefühl von Kohärenz entfaltet seine schützende Wirkung nach diesen Befunden in dreierlei Weise: Es führt dazu, daß Menschen (1) fordernden Situationen mit einem Vorschuß an Optimismus begegnen und sie nicht als Belastung und potentielle Gefährdung von Wohlbefinden einschätzen; daß sie sich (2) ihrer Umwelt weniger ausgesetzt fühlen und kumulierenden Belastungen mit einem geringeren Maß an Ängstlichkeit und diffuser Emotionalität gegenüber treten; und daß sie (3) in der Lage sind, ein problemangemessen-zugeschnittenes Set von Widerstandsressourcen zu mobilisieren und die für die Situation angemessenen Bewältigungsstrategien zu wählen (vgl. weiterführend Faltermaier 1994; 1998; Wydler/Kolip/Abel 2000).

Empowerment - politisch gefaßt:
Politisches Empowerment weist über die Ebene der Selbstveränderung hinaus. In den Mittelpunkt rücken hier die im öffentlichen Raum sichtbaren und in handfesten Veränderungen der Lebenswelt meßbaren Effekte des sozialen Engagements (Sozialveränderung): die Aktionen bürgerschaftlicher Einmischung, das öffentliche Eintreten der Bürger für eine Teilhabe an Prozessen der politischen Willensbildung, ihre solidarische Gemeinschaft in Selbsthilfe-Gruppen und Bürgerbewegungen. Der amerikanische Gemeindepsychologe Marc Zimmerman und seine Forschungsgruppe haben in einer Reihe von methodisch gut ausgearbeiteten Untersuchungen den Versuch unternommen, die Effekte produktiver Empowerment-Prozesse in bürgerschaftlichen Aktionsgruppen zu vermessen (vgl. Perkins/Zimmerman 1995; Zimmerman 1990; 1995; 2000; Zimmerman/Warschausky 1998). Partner ihrer Forschungen waren Menschen, die Aktivposten in ihren Gemeinden waren und sich durch die Übernahme von Verantwortung und Leitungsfunktionen in lokalen Netzwerken der Selbstorganisation auszeichneten. Die Ergebnisse dieser Evaluationsuntersuchungen dokumentieren überzeugend eine enge Korrelation zwischen bürgerschaftlichem Engagement auf der einen und der Erfahrung personaler und kollektiver Stärke auf der anderen Seite. Das bürgerschaftliche Engagement in der Gemeinschaft und die Teilnahme an sozialer Aktion auf der Ebene der Gemeinde sind danach Katalysatoren der Erfahrung von Stärke und Gestaltungsvermögen. Die Einbindung des einzelnen in "eine sorgende Gemeinschaft" (caring community) stiftet ein kritisches Bewußtsein der sozialen und politischen Umwelt, sie eröffnet neue Erfahrungen des eigenen und des kollektiven Kontrollvermögens und schafft Rückhalt und Unterstützung auch in Niederlagen. Konkret berichten die Autoren folgende Befunde:

Diese Befunde liefern ein anschauliches Bild der politischen Produkte kollektiver Empowerment-Prozesse. Menschen verlassen - in der Gemeinschaft mit anderen - die ausgetretenen Pfade erlernter Hilflosigkeit. Sie gewinnen im Wege ihres bürgerschaftlichen Engagements Zuversicht, sie werden zu Aktivposten in der Gestaltung lokaler Lebensverhältnisse und gehen auf eine gemeinsame Reise in die Stärke, in deren Verlauf sie mehr und mehr zu einem Machtfaktor auf der Bühne der lokalen Öffentlichkeit werden und zugleich für die eigene Person Kraft, Kompetenz und Lebensvermögen erfahren.

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6. Perspektiven einer neuen Professionalität der psychosozialen Arbeit

Eine psychosoziale Praxis, die auf diesem Kapital von Vertrauen in die Stärken ihrer Adressaten aufbaut, nimmt Abschied von der Expertenmacht. Grundlage allen gesundheitsfördernden beruflichen Handelns ist ihr die Anerkennung der Gleichberechtigung von beruflichem Helfer und Klient, die Konstruktion einer symmetrischen Arbeitsbeziehung also, die auf die Attribute einer bevormundenden Fürsorglichkeit verzichtet, die Verantwortung für den Arbeitskontrakt gleichverteilt und sich auf einen Beziehungsmodus des partnerschaftlichen Aushandelns einläßt. Die Verwirklichung einer solchen 'Arbeits-Partnerschaft' im beruflichen Alltag ist an spezifische Voraussetzungen gebunden. Hierzu zählen u.a.: Die Einführung einer systematischen Kompetenzdiagnostik: die sensible Diagnose lebensgeschichtlich verankerter Stärken und Ressourcen auf Seiten der Klienten; die vertragliche Regelung von Hilfebeziehungen: die Formulierung von ausgearbeiteten Hilfe- und Behandlungsverträgen, in denen die auf den Hilfeprozeß bezogenen Ziele, Verfahren, Zeitperspektiven und Verantwortlichkeiten wechselseitig verpflichtend niedergeschrieben sind; das unveräußerliche Wahlrecht der Klienten: die Achtung der Eigenentscheidungen und der Selbstverantwortlichkeiten der Adressaten im Hinblick auf die Nutzung des sozialen Dienstleistungsangebotes wie auch im Hinblick auf die von ihnen markierten Grenzen der professionellen Zuständigkeit.

Mit dieser Neu-Vermessung des Arbeitskontraktes zwischen Sozialarbeiter und Klient aber verändert sich die berufliche Identität der helfenden Arbeit. Psychosoziale Arbeit im Zeichen von Empowerment ist dann nicht mehr allein Produktion von Dienstleistungen oder parteiliches Eintreten für Klienteninteressen. Sie wird vielmehr zu einer einfühlenden und unterstützenden Lebensweg-Begleitung, die Menschen in Zeiten der Lebensveränderung ermutigt und unterstützt und ihnen strukturelles Rückgrat für individuelle und kollektive Prozesse der Selbstbefreiung ist. In der Literatur ist diese neue Fachlichkeit in dem Begriff der Mentorenschaft gefaßt worden, die korrespondierende Rolle des beruflichen Helfers in den Begriff des Mentors. Der Mentor ist Ermutiger dort, wo er Menschen durch Präsenz, geduldiges Zuhören und Mitarbeit den Rücken, Mut und Selbstvertrauen stärkt. Er ist Reflexionsspiegel dort, wo Lebensentwürfe und Identitätsprojekte in Sackgassen laufen und 'ein neutraler Blick' neue Perspektiven zu eröffnen vermag. Er ist kundiger Ratgeber dort, wo er (auf Abruf) seine professionelle Expertise in organisatorischen und rechtlichen Fragestellungen, in Fragen der schwierigen, nur allzu oft konfliktbelasteten Beziehungsarbeit, in Fragen der Lebensplanung bereitstellt. Und er ist strategischer Bündnispartner dort, wo er in der lokalen politischen und administrativen Welt die Türen zu Entscheidungsträgern und Schlüsselpersonen aufstößt, die Einzelnen oder Gruppen (z.B. Bürgerinitiativen; Selbsthilfegruppen) bislang verschlossen waren, strategische Allianzen vorbereitet und Politikfähigkeit stärkt.

Literatur

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Weinheim/München 2000 - Zimmerman, M.A.: Toward a theory of learned hopefulness. A structural model analysis of participation and empowerment. In: Journal of Research in Personality 1990 b, S. 71-86 - Zimmerman, M.A.: Psychological empowerment. Issues and illustrations. In: American Journal of Community Psychology 5/1995, S. 581-599 - Zimmerman, M.A.: Empowerment theory. Psychological, organizational and community levels of analysis. In: Rappaport, J./Seidman, E. (Hg.): Handbook of community psychology. New York 2000 - Zimmerman, M.A./Warschausky, S.: Empowerment theory for rehabilitation research. Conceptual and methological issues. In: Rehabilitation Psychology 1/1998, S. 3-16.

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