Gliederung
„Die Menschen stärken“, „Ressourcen fördern“, „personale Kompetenzen (weiter-) entwickeln“ – Stichworte wie diese verweisen auf ein Handlungskonzept, das in den letzten Jahren zum Fixstern am Himmel der psychosozialen Arbeit avanciert ist: das Empowerment-Konzept. Ursprünglich eine Importware aus dem Bereich der Bürgerrechtsbewegung und der gemeindebezogenen sozialen Arbeit der USA gehört dieses Konzept heute zu den Kursgewinnern auf dem psychosozialen Ideenmarkt. Es hat in der Sozialpädagogik, der psychotherapeutischen Arbeit, in der Gesundheitsförderung und der Behindertenarbeit Eingang in die Reformdebatte gefunden und vielfältige Modellprojekte stimuliert. In der Literatur finden sich viele Versuche, das was Empowerment (wörtlich übersetzt: Selbstbemächtigung; Selbstbefähigung; Stärkung von Eigenmacht und Autonomie) ausmacht, auf den Begriff zu bringen. Gemeinsam ist allen Definitionsangeboten eines: Der Begriff Empowerment steht heute für alle solchen Arbeitsansätze in der psychosozialen Praxis, die die Menschen zur Entdeckung der eigenen Stärken ermutigen und ihnen Hilfestellungen bei der Aneignung von Selbstbestimmung und Lebensautonomie vermitteln wollen. Ziel der Empowerment-Praxis ist es, die vorhandenen (wenn auch vielfach verschütteten) Fähigkeiten der Menschen zu kräftigen und Ressourcen freizusetzen, mit deren Hilfe sie die eigenen Lebenswege und Lebensräume selbstbestimmt gestalten können. Empowerment - auf eine kurze Formel gebracht - ist das Anstiften zur (Wieder-)Aneignung von Selbstbestimmung über die Umstände des eigenen Lebens.
In der Literatur lassen sich zwei Lesarten von Empowerment unterscheiden:
(1) Empowerment als Selbstbemächtigung problembetroffener Personen
Definitionen in diesem ersten Wortsinn betonen die aktive Aneignung von
Macht, Kraft, Gestaltungsvermögen durch die von Machtlosigkeit und Ohnmacht
Betroffenen selbst. Empowerment wird hier als ein Prozeß der Selbst-Bemächtigung
und der Selbst-Aneignung von Lebenskräften beschrieben: Menschen verlassen
das Gehäuse der Abhängigkeit und der Bevormundung. Sie befreien sich in
eigener Kraft aus einer Position der Ohnmacht und werden zu aktiv handelnden
Akteuren, die ein Mehr an Selbstbestimmung, Autonomie und Lebensregie erstreiten.
Empowerment bezeichnet hier also einen selbstinitiierten und eigengesteuerten
Prozeß der (Wieder-)Herstellung von Selbstbestimmung in der Gestaltung des
eigenen Lebens. Diese Definition betont somit den Aspekt der Selbsthilfe
und der aktiven Selbstorganisation der Betroffenen. Sie findet sich vor
allem im Kontext von Projekten und Initiativen, die in der Tradition der
Bürgerrechtsbewegung und der Selbsthilfe-Bewegung stehen.
(2) Empowerment als professionelle Unterstützung von Autonomie
und Selbstgestaltung
Definitionen, die aus der Tradition der professionellen psychosozialen Arbeit
entstammen, betonen hingegen die Aspekte der Unterstützung und der Förderung
von Selbstbestimmung durch berufliche Helfer. Der Blick richtet sich hier
also auf die Seite der Mitarbeiter psychosozialer Dienste, die Prozesse
der (Wieder-)Aneignung von Selbstgestaltungskräften anregen, fördern und
unterstützen und Ressourcen für Empowerment-Prozesse bereitstellen. Empowerment
ist in diesem Wortsinn programmatisches Kürzel für eine psychosoziale Praxis,
deren Handlungsziel es ist, Menschen das Rüstzeug für ein eigenverantwortliches
Lebensmanagement zur Verfügung zu stellen und ihnen Möglichkeitsräume aufzuschließen,
in denen sie sich die Erfahrung der eigenen Stärke aneignen und Muster solidarischer
Vernetzung erproben können.
Empowerment - eine Arbeitsdefinition
Der Begriff "Empowerment" bedeutet Selbstbefähigung und Selbstbemächtigung, Stärkung von Eigenmacht, Autonomie und Selbstverfügung. Empowerment beschreibt mutmachende Prozesse der Selbstbemächtigung, in denen Menschen in Situationen des Mangels, der Benachteiligung oder der gesellschaftlichen Ausgrenzung beginnen, ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, in denen sie sich ihrer Fähigkeiten bewußt werden, eigene Kräfte entwickeln und ihre individuellen und kollektiven Ressourcen zu einer selbstbestimmten Lebensführung nutzen lernen. Empowerment - auf eine kurze Formel gebracht - zielt auf die (Wieder) Herstellung von Selbstbestimmung über die Umstände des eigenen Alltags. In der Literatur finden sich weitere Umschreibungen von Empowerment:
Dort, wo Menschen diese Erfahrungen von Selbstwert und aktiver Gestaltungskraft, von Ermutigung und sozialer Anerkennung haben sammeln können, vollziehen sich mutmachende Prozesse einer "Stärkung von Eigenmacht". Der Rückgriff auf das positive Kapital dieser Erfahrungen macht es Menschen möglich, sich ihrer Umwelt weniger ausgesetzt zu fühlen und Mut für ein offensives Sich-Einmischen zu sammeln. Solche positiven Lebenserfahrungen aber, in denen Menschen Sicherheit und Selbstwert finden, entfalten eine bemächtigende Kraft.
Ausgangspunkt des Empowerment-Konzeptes ist eine deutliche Kritik an den Blindflecken des tradierten Klientenbildes, das das berufsbezogene Alltagswissen in den Köpfen der sozialen Professionals prägt. Dieses Klientenbild ist bis heute in weiten Passagen von einem Defizit-Blickwinkel auf den Menschen geprägt, d.h. die Identitätsentwürfe der Klienten Sozialer Arbeit, ihre biographischen Erfahrungshorizonte und Bindungsnetzwerke werden nur allzu oft allein in Kategorien von Mangel und Unfertigkeit, Beschädigung und Schwäche wahrgenommen.
Im Lichte dieser grundlegenden Defizit-Orientierung aber gewinnt die beruflich helfende Unterstützung in vielen Fällen den Charakter einer "Fürsorgepädagogik", die die Betroffenen in beratende und therapeutische Vollversorgungspakete einpackt, sie zugleich aber auf Dauer von Fremdhilfe abhängig macht und verbleibende Ressourcen von Eigenmächtigkeit entwertet.
Das Empowerment-Konzept nun bricht mit diesem Blick auf die Schwächen und Abhängigkeiten. Menschen, die psychosoziale Unterstützung in Anspruch nehmen, werden hier also nicht mehr als hilfebedürftige Mängelwesen angesehen, die der pädagogischen Fürsorglichkeit bedürfen. Ganz im Gegenteil: Die Adressaten sozialer Dienstleistungen werden - auch in Lebensetappen der Belastung - in der Rolle von kompetenten Akteuren wahrgenommen, die über das Vermögen verfügen, ihre Lebenssettings in eigener Regie zu gestalten und Lebenssouveränität zu gewinnen. Dieses Vertrauen in die Stärken der Menschen, in produktiver Weise die Belastungen und Zumutungen der alltäglichen Lebenswirklichkeit zu verarbeiten, ist Zentrum und Leitmotiv der "Philosophie der Menschenstärken". Dieses Menschenbild, das der Empowerment-Praxis leitend ist, umfaßt folgende Bausteine (Herriger 2006, S. 72-85):
Das Empowerment-Konzept basiert auf normativ-ethischen Grundüberzeugungen, in denen sich die Achtung vor der Autonomie der Lebenspraxis der Klienten, ein engagiertes Eintreten für soziale Gerechtigkeit und für den Abbau von Strukturen sozialer Ungleichheit sowie die Orientierung an einer Stärkung von (basis-)demokratischen Partizipationsrechten miteinander verbinden.
(1) Selbstbestimmung und Lebensautonomie: Ein erstes normatives Fundament der Philosophie des Empowerments ist der feste Glauben an die Fähigkeit eines jeden Individuums, aus dem Schneckenhaus von Abhängigkeit, Resignation und erlernter Hilflosigkeit auszuziehen und in eigener Kraft Autonomie, Selbstverwirklichung und Lebenssouveränität zu erstreiten. Obwohl die Soziale Arbeit das Recht des Klienten auf Selbstbestimmung und Lebensautonomie stets betont, erscheint die Nennung dieses Grundwertes nicht überflüssig. Denn: Die berufsalltägliche Einlösung dieses Anspruches erfordert von den Mitarbeitern sozialer Dienste eine sensible selbstreflexive Eingrenzung der eigenen Expertenmacht ("sharing power").
(2) Soziale Gerechtigkeit: Dieser zweite Grundwert thematisiert die gesellschaftlichen Strukturen sozialer Ungleichheit, d. h. die sozial ungleiche Verteilung von materiellen Lebensgütern (Niveau und Sicherheit des verfügbaren Einkommens und Vermögens) und immateriellen Lebensgütern (Bildung; Gesundheit; soziale Sicherung; Inklusion in tragende soziale Netzwerke). Das Empowerment-Konzept bleibt hier - auch in Zeiten eines konservativen Roll-Backs und eines durchgreifenden Reformpessimismus - einem sozialaufklärerischen Programm verpflichtet. Es ist sein Ziel, Menschen ein kritisches Bewußtsein für die Webmuster der sozial ungleichen Verteilung von Lebensgütern und gesellschaftlichen Chancen zu vermitteln und in ihren Köpfen ein analytisches Wissen um die Veränderbarkeit dieser übermächtig erscheinenden Strukturmuster zu festigen. Und es ist sein Ziel, Menschen sowohl im mikrosozialen Kosmos ihrer alltäglichen Lebenswirklichkeit als auch im makrosozialen Kosmos politischer Selbstvertretung zu sozialer Aktion anzustiften.
(3) Demokratische Partizipation: Der dritte normative Grundpfeiler des Empowerment-Konzeptes ist das Prinzip Bürgerbeteiligung. Empowerment-Prozesse zielen auf die Stärkung der Teilhabe der Bürger an Entscheidungsprozessen, die ihre personale Lebensgestaltung und ihre unmittelbare soziale Lebenswelt betreffen. Sie zielen auf die Implementation von Partizipationsverfahren, die ihren Wünschen und Bedürfnissen nach Mitmachen, Mitgestalten, Sich-Einmischen in Dienstleistungsproduktion und lokaler Politik Rechnung tragen und eine eigenverantwortliche Gestaltung von lokalen Umwelten zulassen. In dieser Strategie sozialpolitischer Einmischung verbinden sich die Philosophie des Empowerments und die aktuelle Diskussion über "Zivilgesellschaft" und "Kommunitarismus". Empowerment und Kommunitarismus gemeinsam ist die Forderung, die Eigenverantwortung und Eigenbeteiligung der Bürger in der Besorgung lokaler Angelegenheiten zu stärken, neue zivile Verbindlichkeiten ("Gemeinsinn") zu etablieren und niedrigschwellige Verfahren einer kollektiven Selbstregelung in kleinen lokalen Kreisen zu implementieren.
Vor dem Hintergrund dieser „Philosophie der Menschenstärken“ ergibt sich ein neues Verständnis der professionellen Identität sozialer Arbeit. Dieses Empowerment-Verständnis können wir mit drei Stichworten kennzeichnen:
(1) „sharing power“: Die Abkehr von Paternalismus und „fürsorglicher Belagerung“
(2) Der Respekt vor der Autonomie des Betroffenen und Kooperation ‚auf Augenhöhe’
(3) Die Mentoren-Rolle der professionellen Helfer
Für die neue berufliche Rolle von „Empowerment-ArbeiterInnen“ finden sich in der Literatur unterschiedliche Begrifflichkeiten: Assistent – Unterstützer – Begleiter. Wir möchten hier den Begriff „Mentor“ bzw. „Mentorenschaft“ (kundige Lebensweg-Begleitung) vorschlagen. In dieser Mentorenschaft erfüllt der professionelle Helfer folgende Rollen (vgl. ausführlich Herriger 2006, S. 227 ff.):
Die „zurückhaltende Professionalität“, die in der Mentoren-Rolle zum Ausdruck kommt, wird in der Praxis vielfach missverstanden als Entqualifizierung und Verlust von fachlicher Expertise. Aber: Das Gegenteil ist richtig. Die Mentoren-Rolle erfordert ein hohes Maß an Professionalität, die sich freilich nicht in einem Autoritäts- und Machtgefälle zwischen professionellem Helfer und Klient realisiert, sondern vielmehr in einer wertschätzenden Kommunikation und einem kooperativen Arbeitsbündnis („auf Augenhöhe“) zwischen beiden Seiten. Mentoren-Arbeit bedeutet hier konkret:
Was aber ist nun konkret gemeint, wenn das Empowerment-Konzept es sich zur Aufgabe macht, die Ressourcen der Menschen fördern zu wollen? Obwohl von wachsender Popularität ist der Ressourcenbegriff in den aktuellen sozialwissenschaftlichen Diskussion oft nur vage und wenig griffig gefasst. Anknüpfend an aktuelle psychologische Diskurse (vgl. Schemmel/Schaller 2003; Willutzki 2003) wollen wir den Begriff „Ressourcen“ hier wie folgt definieren:
Unter Ressourcen wollen wir jene positiven (Personen- und Umwelt-)Potenziale verstehen, die von der Person
genutzt werden können und die damit zur Sicherung ihrer psychischen Integrität, zur Kontrolle von Selbst und Umwelt sowie zu einem umfassenden bio-psycho-sozialen Wohlbefinden beitragen (vgl. weiterführend Herriger 2006, S. 88 ff.).
Wir unterscheiden strukturelle, personale und soziale Ressourcen:
(1) Strukturelle Ressourcen: Strukturelle Ressourcen sind – einer frühen Differenzierung von Bourdieu (1983) folgend – Potentiale von Lebensqualität, die an die jeweilige soziale Lebenslage des Einzelnen bzw. der Familie gebunden sind. Sie bestimmen als "strukturelle Hintergrundvariablen" die subjektive Erfahrung von Sicherheit, Gestaltungsvermögen und sozialer Anerkennung. Zu nennen sind hier folgende "Kapitalsorten":
Die Empowerment-Arbeit beginnt dort, wo alle psychosoziale Arbeit beginnt: bei der Sicherung einer lebbaren Existenzgrundlage (Arbeit; Bildung; Wohnen). Erst auf der verlässlichen Grundlage einer relativen strukturellen Sicherheit sind personales Wachstum und soziale Integration möglich. Dieses Argument ist nur scheinbar selbstverständlich – ein Blick auf die Lebensverhältnisse von Menschen der Dritten Welt, aber auch auf die gegenwärtig in der Bundesrepublik akute Diskussion über Leistungskürzungen in der sozialstaatlichen Basissicherung dokumentieren dies nachdrücklich.
(2) Personale Ressourcen: Diese Ressourcenkategorie umfasst lebensgeschichtlich gewachsene, persönlichkeitsgebundene Selbstwahrnehmungen, werthafte Überzeugungen, emotionale Bewältigungsstile und Handlungskompetenzen, die der Einzelne in der Auseinandersetzung mit kritischen Lebensereignissen zu nutzen vermag und die ihm ein Schutzschild gegen drohende Verletzungen sind. Aus dem Bereich der Persönlichkeitspsychologie liegen zahlreiche empirische Untersuchungen zur 'Vermessung' produktiver personaler Ressourcen vor. Inhaltlich werden genannt:
Vor allem dort, wo Menschen in kritische Lebensetappen eintreten, erweisen sich diese personalen Ressourcen als bedeutsame präventive Kraftquellen der Gesunderhaltung und der Identitätssicherung. Denn: Der Rückgriff auf personale Ressourcen macht es dem Einzelnen möglich, den Herausforderungen psychosozialer Belastungen zu begegnen, ohne dauerhafte Symptome der Überforderung (somatische Erkrankung; psychische Beeinträchtigung; psychosoziale Auffälligkeit u.a.m.) zu entwickeln. Personale Ressourcen sind somit "eine Elefantenhaut für die Seele".
(3) Soziale Ressourcen: Diese letzte Ressourcenkategorie verweist auf das soziale Eingebunden-Sein ("embedding") des Einzelnen bzw. der Familie in unterstützende Netzwerke (Verwandtschafts-, Freundschafts-, Bekanntschafts- und Interessennetzwerke). Diese sozialen Beziehungsnetzwerke sind Orte der sozialen Unterstützung – in ihren privaten Kreisen werden handfeste Lebenshilfe und emotionaler Begleitschutz mobilisiert, welche den Menschen insbesondere in der Bewältigung schwieriger Lebensphasen Ressource sind. In der Literatur werden folgende Funktionen sozialer Unterstützung unterschieden:
Gelingt es der psychosozialen Arbeit, Menschen in solchermaßen "sorgende" Netzwerke einzubinden, so hat dies einen direkten positiven Einfluss auf Selbstwerterleben, Wohlbefinden und Lebensqualität. Soziale Unterstützung befriedigt allgemeine soziale Bedürfnisse nach Teilhabe, Anerkennung und sozialem Aufgehoben-Sein. Die Befriedigung dieser sozialen Bedürfnisse aber schafft ein Fundament von Wohlbefinden, das biographische Verläufe gegen Verletzungen und psychosoziale Brüche absichert.
Wenden wir uns nun den Handwerkszeugen einer Sozialen Arbeit zu, die Menschen zur Entdeckung der eigenen Stärken anstiften und sie in die Rolle von autonomen Regisseuren der eigenen Lebensgeschichte einsetzen möchte. In der Literatur werden in der Regel vier Ebenen des Empowerments unterschieden, denen je eigene methodische Werkzeuge korrespondieren:
(1) Die Ebene der Einzelhilfe - die Konstruktion lebbarer Lebenszukünfte
Beispiele für eine praktische Umsetzung des Empowerment-Konzeptes auf der Individualebene entstammen überwiegend dem Handlungsfeld der Beratung und der sozialen Einzelhilfe. Gemeinsam ist diesen personenbezogenen Arbeitsansätzen der Versuch, der betroffenen Person Auswege aus erlernter Hilflosigkeit zu erschließen. Der Kontrakt zwischen Sozialarbeiter und Klient hat das Ziel, Hilfestellungen zu vermitteln, mittels derer der Betroffene aus einer Situation der Machtlosigkeit, Resignation und Demoralisierung heraus das Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen vermag, Vertrauen in das eigene Vermögen zur Lebens- und Umweltgestaltung gewinnt, verschüttete Kraftquellen von Kompetenz und Vermögen entdeckt und zur Gestaltung relevanter Lebensausschnitte einsetzt. Hier kommen insbesondere drei methodische Handwerkszeuge zum Einsatz.
Ressourcendiagnostik: In der psychosozialen Landschaft gibt es eine Vielzahl von Test-, Fragebögen- und Diagnostikverfahren, die die Lebensprobleme der KlientInnen, ihre Defizite und unzureichenden Bewältigungskompetenzen detailliert ‚vermessen’. Eine Leerstelle ist hingegen dort zu vermerken, wo es darum geht, die Stärken der KlientInnen – ihre Ressourcen – systematisch zu erfassen. Bis heute sind in der Sozialen Arbeit nur wenige Verfahren der Ressourcendiagnostik verfügbar – und dies obwohl ressourcenorientierte Praxiskonzepte insbesondere im systemisch-lösungsorientierten Beratungsansatz schon seit fast zwei Jahrzehnten eine weite Verbreitung gefunden haben. Ressourcendiagnostik hat im Kontext der Empowerment-Arbeit vor allem drei Funktionen: (1) Erstdiagnostik und Hilfeplanung: Empowerment-Arbeit hat zum Ziel, die dem Klienten verfügbaren Bewältigungsressourcen systematisch in den Hilfeprozess einzubeziehen und zugleich lebensgeschichtlich verschüttete Ressourcen (‚Lebensstärken’ in der biographischen Vergangenheit) wieder aufzufinden und zugänglich zu machen. Im Rahmen des Erstgesprächs und der anschließenden individuellen Hilfeplanung ist daher eine präzise Vermessung von Ressourcen unverzichtbar. (2) Prozessbegleitende Reflexion: Die Ressourcendiagnostik kann über die Hilfeplanung hinaus auch als Instrument der Verfahrensevaluation eingesetzt werden. Sie eignet sich als eine praktische Reflexionshilfe, mit der Sozialarbeiter und Klient im Verlauf ihres Arbeitskontraktes wiederholt das je aktuelle Ressourcensetting visualisieren, die bereits eingetretenen Veränderungen dokumentieren, Hindernisse im Zugang zu Ressourcen reflektieren und das weiterführende Hilfeverfahren neu organisieren. (3) Evaluation und Qualitätsdokumentation: Im Rahmen der abschließenden Fallevaluation schließlich dienen Verfahren der Ressourcendiagnostik zur Abschätzung von Ressourcenentwicklungen (quantitative und qualitative Veränderungen). Erste Instrumente der Ressourcendiagnostik sind von Herriger 2006, S. 93 ff.; Pantucek 2005; Schiepek/Cremer 2003; Trösken/Grawe 2003 und Trösken 2003 vorgelegt worden.
Unterstützungsmanagement: Werkzeug der Empowerment-Arbeit auf der Individualebene ist zum zweiten das Unterstützungsmanagement. Unterstützungsmanagement (Case Management; „Fall-Management“) ist nach dem Verständnis von Wendt (1995; 1999) ein ganzheitliches unterstützendes Arrangieren von Lebensressourcen. Auf der Grundlage einer gemeinsamen Verständigung über Zielsetzungen und Schrittfolgen werden verfügbare Hilferessourcen in der privaten Lebenswelt und in den öffentlichen Dienstleistungsagenturen zu einer konzertierten Unterstützungsaktion zusammengeführt. Auf diese Weise konstituiert sich ein grenzübergreifendes Ressourcen-Netzwerk, das in Lebenszeiten der Belastung spürbare Entlastung und Hilfestellung zu geben vermag (vgl. weiterführend Löcherbach 2005; Neuffer 2005).
Selbstnarration und Biographiearbeit: Dieser dritte Baustein verknüpft die Empowerment-Arbeit mit der aktuellen Diskussion über „narrative Identitätsarbeit“ und „biographisches Erzählen“. Grundüberzeugung dieser Debatte, die vor allem in der narrativen Psychologie geführt wird, ist es, dass Menschen Lebenskohärenz, also die sichernde Erfahrung der Sinnhaftigkeit der eigenen Lebensgeschichte, in Selbsterzählungen (Selbstnarrationen) konstruieren. Diese Grundüberzeugung der narrativen Psychologie macht einen direkten Brückenschlag zur Methodik der Empowerment-Arbeit möglich. Das erzählende (Wieder-) Aufgreifen von biographischen Fäden im pädagogischen Dialog hat zum Ziel, Würde, Wert und Stolz des eigenen Lebens zu erinnern, Kontinuität und Lebenskohärenz allen Lebensbrüchen zum Trotz herzustellen und die Schatten negativ eingefärbter Selbst-Typisierungen zu bannen. Das biographische Erzählen öffnet Möglichkeitsräume, in denen der Einzelne Sprache finden kann und in der reflexiven Aneignung der lebensgeschichtlichen Erfahrungen Werkzeuge für die Bearbeitung des Zurückliegenden und Orientierungen für das noch unbekannte Zukünftige gewinnen kann (vgl. Keupp 2004; Krüger/Marotzki 2005; Ruhe 2007).
(2) Die Ebene der Gruppenarbeit - das Stiften von Zusammenhängen
Empowerment ist aber nicht nur Ergebnis eines einzelfallbezogenen Settings von Beratung und Begleitung. In vielen (vielleicht sogar den meisten) Fällen ist Empowerment das Produkt einer 'konzertierten Aktion' - das gemeinschaftliche Produkt von Menschen also, die sich zusammenfinden, ihre Kräfte bündeln und gemeinsam aus einer Situation der Machtlosigkeit, Resignation und Demoralisierung heraus beginnen, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen. Anschauungsmaterialien für diese eigeninitiierten und dynamisch verlaufenden Gruppenprozesse finden sich in unterschiedlichen Handlungsfeldern: in der Netzwerkarbeit mit Familien-, Freundschafts- und Gleichaltrigen-Systemen; in der Unterstützung von Selbsthilfegruppen; in der Arbeit mit kommunalpolitisch engagierten Bürgerinitiativen. In all diesen Feldern sozialer Aktion sind Empowermentprozesse in sozialer Gemeinschaft eingelagert, vollzieht sich die Entfaltung personaler Kräfte in der stärkenden Gemeinschaft mit anderen. Für die Soziale Arbeit ergibt sich damit auf dieser gruppenbezogenen Ebene die Aufgabe, Menschen miteinander zu verknüpfen und ihnen Aufbauhilfen bei der Gestaltung von unterstützenden Netzwerken zu vermitteln. In das Zentrum der sozialen Praxis tritt so das Stiften von Zusammenhängen: die Inszenierung, der Aufbau und die Weiterentwicklung von fördernden Netzwerkstrukturen, die die Selbstorganisation von Menschen unterstützen und kollektive Ressourcen für eine selbstbestimmte Lebensgestaltung freisetzen. Hier kommen zwei methodische Werkzeuge zum Einsatz (Nestmann 2001; 2004; 2005; Häußling/Stegbauer 2008):
Netzwerkberatung - das Kitten von Beziehungsrissen: Arbeitsansätze der Netzwerkanreicherung zielen auf Beziehungsnetzwerke, die auf gewachsenen familiären, verwandschaftlichen oder freundschaftlichen Beziehungen beruhen und die ein relativ hohes Maß an Vertrautheit implizieren Ziel der Arbeit ist es, Verbindungen, die sich in der Zeit gelockert haben, enger zu knüpfen, bestehende Risse in der Textur der Beziehungen zu kitten, emotionale Belastungen und Beziehungshypotheken zu mindern und die Unterstützungsbeiträge der Mitglieder des privaten Netzwerkes zu einem gemeinsamen Ganzen zu verknüpfen. Netzwerkberatung gliedert sich in (1) eine analytische und (2) eine vernetzende Leistung. Gegenstände der einführenden Netzwerk-Analyse sind hierbei: subjektive Barrieren der Problemveröffentlichung und der Inanspruchnahme von privater Hilfe; unausgesprochene Vorbehalte, Ressentiments und Verstrickungen, die die privaten Bindungen negativ belasten; Umfang der vom privaten Netz faktisch zu erbringenden Unterstützungsleistungen und absehbare Leistungsgrenzen. Im vernetzenden Part der Netzwerkberatung geht es sodann (ganz im Sinne des Unterstützungsmanagements) um das Arrangement eines Ressourcen-Netzwerkes in der privaten Welt, in dem die Unterstützungsbeiträge der einzelnen Netzwerk-Mitglieder (Partner; Familienangehörige; Freunde und andere engagierte Helfer) sowohl im Hinblick auf ihre inhaltlichen Schwerpunkte als auch im Hinblick auf ihre zeitliche Abfolge zu einem stimmigen Gesamtpaket gebündelt werden. Methodisches Instrument dieses 'Case Managements im Plural' ist die Netzwerk-Konferenz, die eine Begegnungsplattform bereitstellt, auf der eine solche arrangierende Leistung möglich wird.
Netzwerkförderung - das Stiften neuer sozialer Zusammenhänge: Vielfach steht die soziale Arbeit jedoch vor der Situation, daß problemadäquate natürliche Unterstützungsnetzwerke - aufgrund einer durchgreifenden Individualisierung der Lebenswelten und der darin eingelagerten Vereinsamung von Menschen - nicht verfügbar sind. Hier kommt der sozialen Arbeit die Aufgabe zu, Gemeinschaft neu zu inszenieren, indem sie Menschen mit gleichartigen Betroffenheiten und Anliegen miteinander in Kontakt bringt und durch diese initiale Vernetzung Zugänge zu sozialer Teilhabe und Partizipation eröffnet. Soziale Arbeit ist hier Wegweiser zu Personen, die in gleicher Weise kritische Lebensabschnitte durchlaufen. Sie ist zugleich Starthilfe und organisatorisches Rückgrat für diese neu entstehenden Beziehungsnetze und Selbsthilfegruppen und fachliche Beratung in kritischen Etappen des Gruppenprozesses. Nicht minder wichtig ist es schließlich, Initiativgruppen, die eine größere thematische Nähe aufweisen, miteinander ins Gespräch zu bringen und zu einem koordinierten Ganzen zu verbinden, das Perspektiven einer solidarischen Zusammenarbeit über die Grenzen der Einzelinteressen hinweg sichtbar werden läßt (Vernetzung der Netzwerke).
(3) Die Ebene der Organisation - das Eröffnen von Räumen der Bürgerbeteiligung
Empowerment auf institutioneller Ebene zielt auf die Stärkung und die Verbreiterung von Bürgerbeteiligung und zivilem Engagement. Gefragt sind hier Gegenrezepte gegen den resignativen Rückzug der Bürger ins Private. Gefragt ist ein strittiges Sich-Einmischen der Bürger - ihre aktive Einflussnahme auf kommunale Belange, auf soziale Dienstleistungsprogramme und lokale Politikvorhaben. Empowerment verknüpft sich in dieser Forderung mit der aktuellen Diskussion über „Partizipation“, „Kundenorientierung“ und „neue Steuerungsmodelle“. Empowerment-Arbeit auf institutioneller Ebene meint hier: die Stärkung der Responsivität administrativer Strukturen für Bürgerbelange und die Etablierung von Verfahren der formalen Beteiligung, die sachverständigen Bürgern ein Mandat im Prozess der Planung, Gestaltung und Implementation von sozialen Dienstleistungen geben. Erste modellhafte Erprobungen solcher Partizipationsverfahren - die Bürgerbeiräte - eröffnen hier neue Perspektiven: Sie sehen die Einberufung von Beiräten auf der Ebene der kommunalen Sozialpolitik vor, in denen engagierte und in der Regel zugleich ‚problembetroffene‘ Bürger ein formales Aufsichts- und Kontrollmandat ausüben (z.B. Beirat für die Belange wohnungsloser Menschen; Beirat für Fragen der gemeindlichen psychosozialen Versorgung; Beirat für kommunale Seniorenarbeit; Beirat für Migrationsfragen). Die Betroffenen treten hier ein in die Rolle von ‚aktiven Konsumenten‘; sie werden auch im administrativen Raum zu Experten in eigener Sache, die in zweierlei Weise Einfluss ausüben: zum einen durch die Mitwirkung auf der Ebene der Konzeptentwicklung und der Planung von Dienstleistungen; und zum anderen durch die kritische Überprüfung und Evaluation der Implementation dieser Dienstleistungsprogramme.
(4) Die Ebene der Gemeinde - das Schaffen eines förderlichen Klimas für Selbstorganisation und bürgerschaftliches Engagement
Empowerment auf der Nachbarschafts- und Gemeindeebene schließlich zielt auf die Schaffung eines förderlichen lokalen Klimas für die Selbstorganisation und Partizipation von Menschen. Gemeindliches Empowerment lebt vom erklärten politischen Willen wie auch von der Implementation vielfältiger Programme und Initiativen, in denen Vertreter von Politik, Dienstleistungsbehörden, Verbänden usw. und engagierte Bürger kooperativ und gleichberechtigt Facetten der lokalen Lebensqualität umgestalten. Beispiele für mutmachende Programme der community organization entstammen dem Kontext des "Healthy Cities-Programms" der Weltgesundheitsorganisation: Hier werden in einem Joint Venture und in gemeinsamer Verantwortung von Gesundheitsdienstleistern und engagierten Bürgern Projekte erarbeitet und realisiert, die weit über einen engen Gesundheitsfokus hinaus Beiträge zu einer Verbesserung der kommunalen Lebensqualität in kleinen Schritten sind: architektonische Wohn(umfeld-)gestaltung; Einrichtung von Tauschbörsen und Servicebüros für ehrenamtliches Engagement; Einflußnahme auf die inhaltliche Gestaltung von Erziehungs-, Beratungs- und Freizeit-Dienstleistungsprogrammen in Form von "Nutzer-Beiräten"; Schaffung von "Kinderparlamenten" und Senioren-Beiräten mit politischem Mandat usw.
„…wenn gar nichts mehr geht…“ Fachleute, die ihren Klienten in den letzten Jahren zunehmend neue Freiheiten, Teilhabemöglichkeiten und Chancen der Selbstgestaltung eröffnet haben, sind häufig enttäuscht darüber, dass diese die neuen Freiheiten so wenig nutzen, ja sie als subjektive Überforderung zurückweisen. Zu den Hintergründen hier einige Anmerkungen:
Die Lebensgeschichte vieler der Menschen, die uns in der pädagogischen Praxis begegnen, ist eine Geschichte der Demoralisierung und der erlernten Hilflosigkeit (Seligman 1995). Sie haben immer wieder die Erfahrung gemacht, keinen oder nur geringen Einfluss darauf zu haben, was mit ihrem Leben geschieht: ob sich das Rad der Armut und der Deklassierung weiter dreht, alte Süchte oder Erkrankungen wiederkehren, ob nahestehende Personen sich entfernen, ein erneuter Berufseinstieg in Sackgassen endet – das eigene Leben erscheint zufallsgesteuert, in den Händen der Anderen. Dieses dauerhafte Erleben aber, die Kontrolle über den Kurs des eigenen Lebens verloren zu haben, mündet in Passivität und Rückzug, Verlust von motivationaler Kraft und Veränderungsoptimismus.
Auswege aus dieser Sackgasse der Demoralisierung eröffnen sich dort, wo Menschen kontrastive Lernerfahrungen machen können, die ihnen das Gefühl der Selbstwirksamkeit zurück geben. Denn: Nur dort, wo Menschen lernen (behutsam, Schritt für Schritt, nicht ängstigend), wichtige Entscheidungen im eigenen Leben selbst zu treffen, nur dort, wo sie in diesen Entscheidungen unterstützt und sichernd begleitet werden, entstehen Handlungsbereitschaft, Aktivität, Hoffnung auf positive Lebensveränderungen (vgl. hier auch die Konzepte „Remoralisierung“ (Kanfer/Reinecker/Schmelzer 2005) und „recovery“ in der aktuellen Diskussion). Folgende Aktivitäten bieten sich an, „…wenn gar nichts mehr geht“.
(1) Empowerment - psychologisch gefasst:
Psychologisches Empowerment beschreibt die individuellen Niederschläge von Empowerment-Erfahrungen: die Veränderungen in der psychischen Ausstattung der Menschen. Diese Veränderungen sind in der Literatur in unterschiedlichen Begrifflichkeiten gefasst worden. Gemeinsam ist diesen das Bild des Schutzschildes: Menschen - an den Endstationen Mut machender Reisen in die Stärken angekommen - erwerben das Schutzschild einer spezifischen seelischen Widerstandsfähigkeit, das es ihnen in ihrer weiteren Biographie möglich macht, die Bedrohungen und Gefährdungen erneuter Hilflosigkeit abzuwehren.
Besondere Beachtung hat in der Debatte das Konzept von Antonovsky (1997) gefunden. Psychologisches Empowerment kann im Anschluß an Antonovsky inhaltlich bestimmt werden als die Entwicklung und Bestärkung eines Kohärenzgefühls (sense of coherence). Das Gefühl der Kohärenz – das ist nach Antonovsky ein identitätssicherndes Gefühl der ‚Lebensganzheit‘, in dem ein positives Bild der eigenen Handlungsfähigkeit, das sichere Wissen um die Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens und die Gewissheit der Person, Biographie, Alltagsverhältnisse und soziale Umwelt aktiv und eigenbestimmt gestalten zu können, zusammenfließen. Kohärenzsinn umfasst nach Antonovsky folgende drei Komponenten:
Vor allem dort, wo Menschen in kritische Lebensetappen eintreten, erweisen sich diese Überzeugungen und psychischen Kompetenzen als eine bedeutsame Ressource der Gesunderhaltung und der Identitätsstabilisierung. Menschen, die ihr aktuelles Leben, ihre Biographie und ihre sozialen Netzwerke als stimmig, wertvoll und aktiv gestaltbar wahrnehmen, verfügen über ein bedeutsames inneres Kapital, das es ihnen möglich macht, Krisenzeiten produktiv zu bewältigen. Psychologisches Empowerment entfaltet seine schützende Wirkung in dreierlei Weise: Es führt dazu, dass Menschen (1) fordernden Situationen mit einem Vorschuss an Optimismus begegnen und sie nicht als Belastung und potentielle Gefährdung von Wohlbefinden einschätzen; dass sie sich (2) ihrer Umwelt weniger ausgesetzt fühlen und kumulierenden Belastungen mit einem geringeren Maß an Ängstlichkeit und diffuser Emotionalität gegenüber treten; und dass sie (3) in der Lage sind, ein problemangemessen-zugeschnittenes Set von Widerstandsressourcen zu mobilisieren und die für die Situation angemessenen Bewältigungsstrategien zu wählen.
Empowerment - sozial gefaßt:
Soziales (oder auch: politisches) Empowerment weist über die Ebene der Selbstveränderung hinaus. In den Mittelpunkt rücken hier die im öffentlichen Raum sichtbaren und in handfesten Veränderungen der Lebenswelt messbaren Effekte des sozialen Engagements: die Aktionen bürgerschaftlicher Einmischung, das öffentliche Eintreten der Bürger für eine Teilhabe an Prozessen der politischen Willensbildung, ihre solidarische Gemeinschaft in Selbsthilfe-Gruppen und Bürgerbewegungen (vgl. weiterführend Herriger 2006, S. 201 ff.):
"Erst heute - aus der Rückschau - kann ich ermessen, was eine gemeinsame Philosophie des beruflichen Handelns wert ist. Vor meinem Wechsel hierhin (in die Trennungs- und Scheidungsberatung eines privaten Trägers; N.H.) habe ich die meiste Kraft wohl nicht in der direkten Arbeit mit Ehepaaren, Teilfamilien und Familien verbraucht, sondern in der hausinternen Überzeugungsarbeit. Immer gegen die (nie offen formulierte, immer hinter vorgehaltener Hand versteckte) Skepsis und Geringschätzung der anderen ankämpfen und das eigene Gegen-den-Strom-Schwimmen rechtfertigen zu müssen, das kostet einen hohen Preis. Die Sicherheit jetzt, daß die anderen KollegInnen auf der gleichen Welle schwimmen, und die wechselseitige Ermutigung, in einer akzeptierenden und stärkenorientierten Arbeitshaltung fortzufahren, das ist mit Geld nicht zu bezahlen" (Mitarbeiterin einer Trennungs- und Scheidungsberatungsstelle).
Diese Zitat macht eines recht deutlich: Berufliche Alleingänge in Sachen Empowerment sind ein riskantes Unterfangen. Die Rolle des Einzelkämpfers, der sich 'in heroischem Kampf' gegen das Gewicht der Routine stemmt, überfordert wohl auf Dauer die Kräfte des einzelnen. Was notwendig ist, das ist die Absicherung des einzelnen Mitarbeiters in einer institutionell geteilten "Kultur des Empowerment". Ein Instrument, das sich im Rahmen von Teamberatung und Organisationsentwicklung bewährt hat, ist hier der "Empowerment-Zirkel". Empowerment-Zirkel - das sind funktionsübergreifend zusammengesetzte Arbeitsgruppen (ggf. auch das Gesamtteam einer Einrichtung), die in synergetischer Kopplung von Einzelbeiträgen Vorschläge für eine Veränderung von institutionellem Leitbild und 'corporate identity', von methodischem Profil und kollegialen Kommunikationsstrukturen im Zeichen von Empowerment ausarbeiten und deren Implementation unterstützend begleiten (Herriger 2001; 2002, 206 ff.).
Der "Empowerment-Zirkel" - Empowerment-Arbeit im Team
Der Empowerment-Zirkel ist ein methodisches Instrument der Organisationsentwicklung. Empowerment-Zirkel arbeiten analog der im Produktionsbereich bereits seit den 50er Jahren eingeführten "Qualitäts-Zirkel" (Arbeitskreise zur Verbesserung der Produkt-Qualität und der Arbeitsqualität). Ziel ist die gemeinsame Erarbeitung von empowerment-förderlichen Organisationsstrukturen ("empowering organizations"), d. h. also die Gestaltung von Arbeitsplatzstrukturen, die
Die Arbeit an einer institutionellen "Kultur des Empowerment" ist eine dauerhafte, nie wirklich abgeschlossene Arbeit im Team. Hierzu bedarf es eines festen Ortes und eines festen organisatorischen Settings. Die im folgenden aufgelisteten Themen strukturieren das Gespräch.
Themen des Empowerment-Zirkels sind u.a.:
Der Perspektivenwechsel von der Defizit- zur Stärkenorientierung:
Die (durch einen externen Moderator geleitete) Diskussion über die "Philosophie
der Menschenstärken" und ihren spezifischen Zuschnitt im jeweiligen institutionellen
Handlungsfeld; die kritische Reflexion defizitgeprägter Wahrnehmungsmuster
für 'typische' Problemfälle und der kontrastierende Blick auf verfügbare
personale und soziale Ressourcen; die Einführung von ergänzenden Verfahren
zur Diagnose von Stärken und Ressourcen im Rahmen von Erstgesprächen, Sozialanamnese
und Hilfeplanung ("Verfahren der Kompetenzdiagnostik"); multiperspektivische
Fallgespräche im Team, in denen (von zwei ModeratorInnen) zum einen die
Problemlage und die defizitgepägten Handlungsanteile des Klienten, zum anderen
seine Stärken und Ressourcen kontrastierend vorgestellt werden.
Die Verständigung auf einen gemeinsamen Zielkatalog (Leitbild):
Die gemeinsame Verständigung des Teams auf Parameter und Standards, an denen
wünschenswerte Veränderungen der Lebenslage der Klienten (Ergebnisqualität),
gelingende Arbeitsbeziehungen zwischen Sozialarbeiter und Klient (Prozeßqualität)
und 'stimmige' institutionelle Strukturbedingungen (Strukturqualität) bemessen
werden.
Die Transparenz von Informationen und Entscheidungen:
Die Transparenz von Input-Informationen, Verfahren, Entscheidungen und organisatorischen
Planungen für alle MitarbeiterInnen; der Abbau hierarchischer Informations-
und Kommunikationswege; ein Informationsnetzwerk, in dem die MitarbeiterInnen
sich als 'Teilhaber' der Organisation erfahren.
Eine partizipative institutionelle Entscheidungsstruktur:
Die Enthierarchisierung von institutionellen Entscheidungs- und Kontrollstrukturen;
eine Delegation von Entscheidungsbefugnissen und eine ergebnisorientierte
Entscheidungsfindung in flachen Hierarchien ("partizipatives Management");
die Ersetzung von alten Hierarchien durch selbstgesteuerte Teams; eine klare
und für alle transparente Verteilung von Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten.
Die Suche nach fördernden und sichernden Teamstrukturen:
Eine Team-Kultur wechselseitiger Achtung und Anerkennung; die Akzeptanz
unterschiedlicher fachlicher Perspektiven und methodischer Arbeitsformen;
kollegiale Fallberatung: der emotional entlastende Austausch in fallbezogenen
Situationen der Unsicherheit; die kooperative Fallbearbeitung im multiprofessionellen
Team; eine offene Konfliktaustragung und nicht-destruktive Lösungsverfahren;
die Erfahrung von Verläßlichkeit und allseitigem Engagement.
Die Komplementarität von Zuständigkeiten und Methoden:
Die Abgrenzung spezifischer inhaltlicher Zuständigkeiten ("Arbeits-Domänen")
und methodischer Kompetenzen der einzelnen MitarbeiterInnen; die Gelegenheit,
individuelle methodische Fähigkeiten, Kompetenzen und Kenntnisse in die
alltäglichen Arbeitsprozesse einbringen zu können.
Die Gestaltbarkeit des individuellen Arbeitsplatzes:
Die individuelle Verfügung über räumliche Ausstattung und persönliches Budget;
Zeitsouveränität: ein eigenbestimmter Umgang mit Zeit in der Bewältigung
berufsalltäglicher Aufgaben; die Anerkennung des individuellen methodischen
Handelns des einzelnen Mitarbeiters und seines Arbeitsstils im Team.
Die Einführung von Verfahren der (Selbst-)Evaluation:
Eine fortlaufende (Selbst-)Evaluation der Struktur-, Prozeß- und Produktqualität;
der Einsatz von turnusmäßigen NutzerInnen- und MitarbeiterInnen-Befragungen
als Instrument einer zielgerichteten Arbeitsoptimierung; die gemeinsame
Festlegung von Messkriterien ("benchmarks"), an denen der Erfolg des beruflichen
Handelns bemessen wird, und die Dokumentation dieser Erfolge in der institutioneneigenen
Berichterstattung.
Eine gemeinsame Ergebnisverantwortung:
Die Bereitschaft aller MitarbeiterInnen, bei Nicht-Erreichen der definierten
Qualitätsziele Verantwortung zu tragen - und dies im Sinne eines Neu-Lernens,
einer kollegialen Neuverständigung, einer Neusortierung organisatorischer,
methodischer und verfahrensbezogener Strukturen.
Die Chance auf Weiterlernen ("learning organization"):
Externe (Einzel-)Supervision; Angebote der Fort- und Weiterbildung; das
Angebot einer turnusmäßigen externen Konzeptberatung.
Empowerment-Zirkel verändern dort, wo sie erfolgreich eingeführt sind, Organisationskultur und Teamqualität. Sie sind Gegenrezepte gegen die Beharrungsmacht althergebrachter Berufsroutinen, sie sind Gegengifte gegen den Verlust von Ego-Involvement und Veränderungsmotivation und geben den Kurswechseln der Institution in Richtung Empowerment eine verbindliche Richtschnur.
Eine psychosoziale Praxis, die auf diesem Kapital von Vertrauen in die Stärken ihrer Adressaten aufbaut, nimmt Abschied von der Expertenmacht. Grundlage allen pädagogischen Handelns ist hier die Anerkennung der Gleichberechtigung von beruflichem Helfer und Klient, die Konstruktion einer symmetrischen Arbeitsbeziehung also, die auf die Attribute einer bevormundenden Fürsorglichkeit verzichtet, die Verantwortung für den Arbeitskontrakt gleichverteilt und sich auf einen Beziehungsmodus des partnerschaftlichen Aushandelns einläßt. Die Verwirklichung einer solchen 'Arbeits-Partnerschaft' im pädagogischen Alltag ist an spezifische Voraussetzungen gebunden. Hierzu zählen u.a.: Die Einführung einer systematischen Kompetenzdiagnostik: die sensible Diagnose lebensgeschichtlich verankerter Stärken und Ressourcen auf Seiten der Klienten; die vertragliche Regelung von Hilfebeziehungen: die Formulierung von ausgearbeiteten Hilfe- und Behandlungsverträgen, in denen die auf den Hilfeprozeß bezogenen Ziele, Verfahren, Zeitperspektiven und Verantwortlichkeiten wechselseitig verpflichtend niedergeschrieben sind; das unveräußerliche Wahlrecht der Klienten: die Achtung der Eigenentscheidungen und der Selbstverantwortlichkeiten der Adressaten im Hinblick auf die Nutzung des sozialen Dienstleistungsangebotes wie auch im Hinblick auf die von ihnen markierten Grenzen der pädagogischen Zuständigkeit.
Mit dieser Neu-Vermessung des Arbeitskontraktes zwischen Sozialarbeiter und Klient aber verändert sich die berufliche Identität der Sozialen Arbeit. Soziale Arbeit im Zeichen von Empowerment ist dann nicht mehr allein Produktion von Dienstleistungen oder parteiliches Eintreten für Klienteninteressen. Sie wird vielmehr zu einer einfühlenden und unterstützenden Lebensweg-Begleitung, die Menschen in Zeiten der Lebensveränderung ermutigt und unterstützt und ihnen strukturelles Rückgrat für individuelle und kollektive Prozesse der Selbstbefreiung ist.
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