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Grundlagentext Empowerment

6. Evaluation: Produkte erfolgreicher Empowerment-Prozesse

(1) Psychologisches Empowerment

Psychologisches Empowerment beschreibt die in­dividuellen Nie­der­schläge von Empowerment-Erfahrungen: die Veränderungen in der psy­chi­schen Ausstat­tung der Menschen. Diese Verän­derungen sind in der Li­teratur in un­terschied­li­chen Begrifflichkeiten gefasst worden. Gemeinsam ist diesen das Bild des Schutzschil­des: Menschen - an den Endstationen Mut ma­chender Reisen in die Stärken an­gekom­men - er­werben das Schutz­schild einer spezifi­schen seelischen Wider­standsfähig­keit, das es ihnen in ihrer weiteren Biogra­phie möglich macht, die Bedro­hungen und Gefähr­dungen erneuter Hilflo­sig­keit abzuweh­ren.

Besondere Beachtung hat in der Debatte das Konzept von Antonovsky (1997) gefunden. Psychologisches Empowerment kann im Anschluß an Antonovsky inhaltlich bestimmt werden als die Entwicklung und Bestärkung eines Kohärenzgefühls (sense of coherence).  Das Gefühl der Kohärenz – das ist nach Antonovsky ein identitätssicherndes Gefühl der ‚Lebensganzheit‘, in dem ein positives Bild der eigenen Hand­lungsfähigkeit, das sichere Wissen um die Sinnhaftig­keit des eigenen Lebens und die Gewissheit der Person, Biographie, Alltagsverhältnisse und soziale Umwelt aktiv und eigenbestimmt ge­stalten zu können, zusammenfließen. Kohä­renz­sinn umfasst nach Antonovsky folgende drei Komponenten: 

  • die Fähigkeit des Subjektes, die Ereignisse und Verläufe des eigenen Le­bens trotz ihrer widersprüchlichen, offenen und unabsehbaren Struktur in einen (Lebenskontinuität vermittelnden) Ordnungsrahmen zu sortie­ren und so in einen übergreifenden biographischen Sinnzusammenhang zu stellen – „Verstehbarkeit“ (comprehensibility);
  • das optimistische Vertrauen, die Veränderungen, Herausforderungen und Umbrüche des Alltags mit den verfügbaren personalen und sozia­len Ressourcen bewältigen zu können – „Handhabbarkeit“ (manageability); und
  • ein  Gefühl der Sinnhaftigkeit und des Lebensgelingens, das sich vor allem dort einstellt, wo es dem Subjekt gelingt, Selbstansprüche und Identitätsziele in Lebensprojekte zu übersetzen, die ihm die Erfahrun­g authentischer (Selbst-) Wertschätzung vermitteln – „Sinnhaftigkeit“ (meaningful­ness).

Vor allem dort, wo Menschen in kritische Lebensetappen eintreten, erweist sich das Kohärenz-Gefühl als eine bedeutsame Ressource der Gesunderhaltung und der Identitätsstabilisierung. Menschen, die ihr aktuelles Leben, ihre Biographie und ihre sozialen Netzwerke als ‚stimmig‘ und ‚wertvoll‘ erachten, verfügen über ein bedeutsames inneres Kapital, das es ihnen möglich macht, Krisenzeiten produktiv zu bewältigen. Das Gefühl von Kohärenz entfaltet seine schützende Wirkung in dreierlei Weise: Es führt dazu, dass Menschen (1) fordernden Situationen mit einem Vorschuss an Optimismus begegnen und sie nicht als Belastung und potentielle Gefährdung von Wohlbefinden einschätzen; dass sie sich (2) ihrer Umwelt we­niger ausgesetzt fühlen und kumulie­renden Belastungen mit einem geringe­ren Maß an Ängstlich­keit und diffuser Emotionalität gegenüber treten; und dass sie (3) in der Lage sind, ein problem­ange­messen-zugeschnittenes Set von Widerstandsressourcen zu mobilisieren und die für die Situation angemessenen Bewältigungsstrategien zu wählen.

(2) Politisches Empowerment

Politisches Empowerment weist über die Ebene der Selbst­verän­derung hinaus. In den Mittel­punkt rücken hier die im öffentli­chen Raum sichtba­ren und in handfesten Ver­ände­rungen der Lebens­welt messba­ren Effekte des so­zialen Engage­ments: die Aktio­nen bürgerschaftli­cher Einmi­schung, das öffentli­che Ein­tre­ten der Bürger für eine Teilhabe an Prozes­sen der politischen Willens­bil­dung, ihre soli­dari­sche Gemeinschaft in Selbsthilfe-Gruppen und Bür­ger­bewegungen:

  • das aktive Engage­ment des Ein­zelnen - zivilgesellschaftliche Kompe­tenz: bürgerschaftliches Engagement und die Über­nahme von Verant­wor­tung und Lei­tungsfunktionen in lo­ka­len Netz­werken der Selbstor­ganisation; und das aktive Eintreten für eine De­mokrati­sierung sozialer Le­bensgüter auf der Bühne der lokalen Öffent­lich­keit;
  • die Selbstverpflichtung auf ein öffentliches soziales Gut: die Be­reit­schaft, sich jen­seits der Grenzen von Eigennutz und partikularen Inter­es­sen auf öf­fentliche Anlie­gen und Aufgaben einzulassen, sich einzu­mischen und für ein gemeinsames öffent­liches Gut zu streiten;
  • ein kritisch-analytisches Verständnis der sozialen und politi­schen Webmuster der Lebenswelt: das Wissen um hilfreiche Ressourcen, Al­lian­zen und Strategien der Meinungsmobi­li­sierung und der Interessen­durch­set­zung;
  • das gefestigte Vertrauen in die eigene Gestaltungskompetenz zur Veränderung der lokal-politischen Umwelt: das Ver­trauen in das eigene Vermögen, (gemeinsam mit anderen) relevante Ausschnitte der Le­bens­welt ak­tiv gestalten und Einfluss auf die kom­munal­politischen Pro­zes­sen der Wil­lensbil­dung und Entscheidungsfin­dung nehmen zu können.

In diesen Dimensionen spiegelt sich ein optimistisches, kontext-orientiertes Konzept von Empowerment. Menschen verlassen die ausgetretenen Pfade erlernter Hilflosig­keit. Sie gewinnen - gemeinsam mit anderen - Zuversicht, sie werden zu Aktivposten in der Gestaltung lokaler Lebensverhältnisse und ge­hen auf eine gemeinsame Reise in die Stärke, in deren Verlauf sie mehr und mehr zu einem Machtfaktor auf der Bühne der lokalen Öffentlichkeit werden und die lokale sozialpolitische Landschaft verändern.

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