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Grundlagentext Empowerment

5. „…wenn gar nichts mehr geht“: Ressourcenorientierte Beratung mit gering motivierten Klienten

 „…wenn gar nichts mehr geht…“ Fachleute, die ihren Klienten in den letzten Jahren zunehmend neue Freiheiten, Teilhabemöglichkeiten und Chancen der Selbstgestaltung eröffnet haben, sind häufig enttäuscht darüber, dass diese die neuen Freiheiten so wenig nutzen, ja sie als subjektive Überforderung zurückweisen. Zu den Hintergründen hier einige Anmerkungen:

Die Lebensgeschichte vieler der Menschen, die uns in der pädagogischen Praxis begegnen, ist eine Geschichte der Demoralisierung und der erlernten Hilflosigkeit (Seligman 1995). Sie haben immer wieder die Erfahrung gemacht, keinen oder nur geringen Einfluss darauf zu haben, was mit ihrem Leben geschieht: ob sich das Rad der Armut und der Deklassierung weiter dreht, alte Süchte oder Erkrankungen wiederkehren, ob nahestehende Personen sich entfernen, ein erneuter Berufseinstieg in Sackgassen endet – das eigene Leben erscheint zufallsgesteuert, in den Händen der Anderen. Dieses dauerhafte Erleben aber, die Kontrolle über den Kurs des eigenen Lebens verloren zu haben, mündet in Passivität und Rückzug, Verlust von motivationaler Kraft und Veränderungsoptimismus.

Auswege aus dieser Sackgasse der Demoralisierung eröffnen sich dort, wo Menschen kontrastive Lernerfahrungen machen können, die ihnen das Gefühl der Selbstwirksamkeit zurück geben. Denn: Nur dort, wo Menschen lernen (behutsam, Schritt für Schritt, nicht ängstigend), wichtige Entscheidungen im eigenen Leben selbst zu treffen, nur dort, wo sie in diesen Entscheidungen unterstützt und sichernd begleitet  werden, entstehen Handlungsbereitschaft, Aktivität, Hoffnung auf positive Lebensveränderungen (vgl. hier auch die Konzepte „Remoralisierung“ (Kanfer/Reinecker/Schmelzer 2005) und „recovery“ (Amering/Schmolke 2007) in der aktuellen Diskussion). Folgende Aktivitäten bieten sich an, „…wenn gar nichts mehr geht“.

  • Validierung der negativen Wahrnehmung des Klienten von Selbst, Umwelt und Zukunft; die Erfahrung des Angenommen-Seins vermitteln - auch im Lichte negativer Selbstkognitionen („ich bin ganz unten“); Anschluss an negativ eingefärbte Lebenserfahrungen finden („joining“); das Erlittene wahrnehmen, Schmerz und Verzweiflung anerkennen und Mitgefühl kommunizieren;
  • Perspektivwechsel: einen „ersten Hoffnungsfunken“ zünden; Mut machen und Kraft vermitteln für einen ersten Schritt aus der Hoffnungslosigkeit („sicher können Sie einen ersten Schritt in eine neue Richtung gehen“); „kleine“ Ziele der Lebensverbesserung gemeinsam definieren;
  • Remoralisierung: die letzten Funken Lebenswillen, Hoffnung und Veränderungskraft betonen; Hoffnung wieder aufbauen; Ressourcen für die Erreichung kleinster erster Ziele aufsuchen; das commitment und die motivationale Kraft des Klienten stärken („ ich kann und will etwas verändern in meinem Leben“);
  • „Stellvertretende Entscheidungen“ treffen, die den Betroffenen in eine Situation des Neuen und der Veränderung stellen; Entscheidungssituationen („in kleiner und verträglicher Dosis“) inszenieren;
  • Entscheidungsspielräume eröffnen; verfügbare Entscheidungsoptionen transparent machen; anfänglich ggf. Empfehlungen geben („mentoring“) – dies aber ohne Druck auszuüben;
  • eine Haltung des Zutrauens und der Anerkennung dokumentieren;
  • Entscheidungen positiv konnotieren, Mut machende Rückmeldung geben, Unterstützung anbieten;
  • das Recht auf Risiko und Irrtum zugestehen; Sackgassen und Irrwege als „Lernmaterial“ interpretieren; Fehlschläge mit Hoffnung stiftender Kommentierung abfedern;
  • ggf. die Lerngeschichte des Verlusts von Entscheidungsfähigkeit und Selbstbestimmung im biographischen Gespräch aufarbeiten,
  • ein stärkender Umgang mit Traumata: Sicherheit schaffen (u.a. durch Stabilisierung im aktuellen räumlichen Setting); die Suche nach Orten und Menschen, die Sicherheit und Stabilität spenden; der Einsatz imaginativer Techniken („Tresor-Übung“: das Schreckliche sicher wegschließen). 
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