Empowerment.de - Potenziale nutzen

Grundlagentext Empowerment

3. Ressourcen in der pädagogischen Praxis

Was aber ist nun konkret gemeint, wenn das Empowerment-Konzept es sich zur Aufgabe macht, die Ressourcen der Menschen fördern zu wollen? Obwohl von wachsender Popularität ist der Ressourcenbegriff in den aktuellen sozialwissenschaftlichen Diskussion oft nur vage und wenig griffig gefasst. Anknüpfend an aktuelle psychologische Diskurse wollen wir den Begriff „Ressourcen“ hier wie folgt definieren:

Unter Ressourcen wollen wir somit jene positiven Personenpotenziale („personale Ressourcen“) und Umweltpotenziale („soziale Ressourcen“) verstehen, die von der Person

  • zur Bewältigung altersspezifischer Entwicklungsaufgaben,
  • zur gelingenden Bearbeitung von kritischen Lebenslagen und belastenden Alltagsanforderungen sowie
  • zur biographischen Verarbeitung der negativen Folgen früherer Belastungen und traumatischer Erlebnisse

genutzt werden können und damit zur Sicherung ihrer psychischen Integrität und zu einem umfassenden biopsychosozialen Wohlbefinden beitragen.

Wir unterscheiden strukturelle, personale und soziale Ressourcen:

(1) Strukturelle Ressourcen: Strukturelle Ressourcen sind Potenziale von Lebensqualität, die an die jeweilige soziale Lebenslage des Einzelnen bzw. der Familie gebunden sind. Sie bestimmen als „strukturelle Hintergrundvariablen“ die subjektive Erfahrung von Sicherheit, Gestaltungsvermögen und sozialer Anerkennung. Zu nennen sind hier folgende „Kapitalsorten“:

  • ökonomisches Kapital: Erwerbseinkommen, Vermögen, Besitz, hergestellt durch die Teilhabe am Arbeitsmarkt und die relative Sicherheit von Arbeitsplatz und Erwerbseinkommen; des weiteren: die Verfügung über unmittelbar in Geld konvertible Ressourcen wie z.B. Kapital- und Wertpapierbesitz; Grundbesitz, Wohneigentum, Mieterträge; Eigentum von Produktionsmitteln;
  • kulturelles Kapital: die Summe der in der subjektiven Bildungsgeschichte angeeigneten Selbstschemata, Wissensbestände, Fertigkeiten, Einstellungen und Überzeugungen; ein analytisches Wissen zur Reflexion von Selbst und Umwelt; das „institutionalisierte“ kulturelle Kapital, d.h. Bildungsabschlüsse und formal zertifizierte Qualifikationen, die Dokumente des arbeitsmarktbezogenen individuellen Konkurrenzvermögens und damit „Eintrittskarten“ für den Arbeitsmarkt sind;
  • symbolisches Kapital: die Bindung an ein festes (religiöses/ethisches/politisches) Werte- und Glaubenssystem; die Verpflichtung auf ein identitätssicherndes System von Werten, Normen, Regeln; die Einbindung in eine subjektive Handlungsethik; 
  • ökologisches Kapital: in Abhängigkeit von ökonomischen Ressourcen - ein hohes Maß an subjektiven Freiheitsgraden im Hinblick auf die konkrete Ausgestaltung der Wohnbedingungen (Gebäude- und Wohnform; Wohnungsgröße; Qualität der Wohnungsausstattung); Wohnumfeldqualität: der Zugang zu einer anregungsreichen natürlichen, baulichen und kulturellen Umwelt.

Die Empowerment-Arbeit beginnt dort, wo alle psychosoziale Arbeit beginnt: bei der Sicherung einer lebbaren Existenzgrundlage (Arbeit; Bildung; Wohnen). Erst auf der verlässlichen Grundlage einer relativen strukturellen Sicherheit sind personales Wachstum und soziale Inklusion möglich. Dieses Argument ist nur scheinbar selbstverständlich – ein Blick auf die Lebensverhältnisse von Menschen der Dritten Welt, aber auch auf die gegenwärtig in der Bundesrepublik akute Diskussion über Leistungskürzungen in der sozialstaatlichen Basissicherung und „neue“ Armut dokumentieren dies nachdrücklich.

(2) Personale Ressourcen: Diese Ressourcenkategorie umfasst lebensgeschichtlich gewachsene, persönlichkeitsgebundene Selbstwahrnehmungen, werthafte Überzeugungen, emotionale Bewältigungsstile und Handlungskompetenzen, die der Einzelne in der Auseinandersetzung mit kritischen Lebensereignissen zu nutzen vermag und die ihm ein Schutzschild gegen drohende Verletzungen sind. Aus dem Bereich der Persönlichkeitspsychologie liegen zahlreiche empirische Unter­suchungen zur Vermessung produktiver personaler Ressourcen vor. Inhaltlich werden genannt:

  • Beziehungsfähigkeiten („emotionale und soziale Intelligenz“): Empathie  und Sensibilität für die inneren Befindlichkeiten, die Motive, Wünsche, Interessen anderer Menschen; Offenheit in der  Kommunikation von Gefühlen, Bedürfnissen, Wünschen; die Fähigkeit, freundschaftliche und vertraute Bindungen einzugehen und aufrecht zu erhalten; Respekt gegenüber anderen; Verlässlichkeit; die Fähigkeit, berechtigte Kritik an der eigenen Person akzeptieren zu können sowie die Fähigkeit zu einer balancierten, nicht-disruptiven Problem- und Konfliktlösung;
  • Selbstakzeptanz und Selbstwertüberzeugung: eine geringe negative Affektivität, ein ungebrochenes Selbstwertgefühl und der feste Glaube an die Sinnhaftigkeit der eigenen Lebensziele und –werte;
  • Internale Kontrollüberzeugung: ein hohes Maß an Bewältigungsoptimismus; der feste Glaube an die Gestaltbar­keit von Um­welt und neuen Lebenssituationen und das Vertrauen in die eigene Gestaltungskompe­tenz;
  • Aktiver Umgang mit Problemen: eine aktive Auseinandersetzung mit Umwelt­an­forderungen und die zielgerichtete Suche nach Problemlösungen;
  • Flexible Anpassung an Lebensumbrüche: die Fähigkeit, nicht vor­hergesehene Ver­änderungen des Lebensplanes in einen übergreifenden Lebensentwurf in­tegrie­ren zu können;  und
  • Veröffentlichungsbereitschaft: die Bereitschaft und die Fähigkeit der Person, in Lebenskrisen Hilfesignale an andere zu versenden und deren soziale Unterstützung in einer den anderen nicht überfordernden Weise einzufordern.

Vor allem dort, wo Menschen in kritische Lebensetappen eintreten, erweisen sich diese personalen Ressourcen als bedeutsame präventive Kraftquellen der Gesunderhaltung und der Identitätssicherung. Denn: Der Rückgriff auf personale Ressourcen macht es dem Einzelnen möglich, den Her­ausforderungen psychosozialer Belastungen zu begegnen, ohne dauerhafte Sym­ptome der Überforderung (somatische Erkrankung; psychische Beeinträchtigung;  psychosoziale Auffälligkeit u.a.m.) zu entwickeln. Personale Ressourcen sind somit „eine Elefantenhaut für die Seele“.

(3) Soziale Ressourcen: Diese letzte Ressourcenkategorie verweist auf das soziale Eingebunden-Sein („embedding“) des Einzelnen bzw. der Familie in unterstützende Netzwerke (Verwandtschafts-, Freundschafts-, Bekanntschafts- und Interessennetzwerke). Diese sozialen Beziehungsnetzwerke sind Orte der sozialen Unterstützung – in ihren privaten Kreisen werden handfeste Lebenshilfe und emotionaler Begleitschutz mobilisiert, welche den Menschen insbesondere in der Bewältigung schwieriger Lebensphasen Ressource sind. In der Literatur werden folgende Funktionen sozialer Unterstützung unterschieden:

  • Emotionale Unterstützung: die Verminderung von Ohnmachts-, Abhängigkeits- und Isolationserfahrun­gen; die Stär­kung der Selbstwerterfahrung durch die Wertschätzung und die Ich-stüt­zende An­er­kennung der anderen;
  • Instrumentelle Unterstützung: die Bereitstellung von materiellen Hilfen, konkreten Handlungstechniken und handfe­sten prak­tischen Alltagshilfen im Umgang mit einem kriti­schen Lebensereignis; die Vermittlung von entlastenden Hilfen und die Unterstüt­zung des Betroffenen bei der schwierigen Suche nach einer veränder­ten Lebensorientierung;
  • Kognitive (informationelle) Unterstützung: Aufklärung und Information über Rechtsansprüche und verfügbare Dienstleistun­gen; Hinweise auf weitere hilfreiche Ressource-Perso­nen; Orientierungshilfe durch Vermittlung von neuen In­forma­tionen und durch das Öffnen von Türen zu neuen Informati­onsquellen;
  • Aufrechterhaltung der sozialen Identität: die Stärkung des Selbstwertes und der sozialen Identität durch die Kommu­ni­kation von Wertschätzung, Anerkennung und Zuwen­dung auch und ge­rade in Zeiten der subjek­tiven Belastung;
  • Vermittlung von neuen sozialen Kontakten: das In-Kontakt-Bringen mit anderen Menschen in vergleichbarer Lebens­lage; die Stärkung des Ge­fühls des sozialen Eingebun­denseins.

Gelingt es der psychosozialen Arbeit, Menschen in solchermaßen „sorgende“ Netzwerke einzubinden, so hat dies einen direkten positiven Einfluss auf Selbstwerterleben, Wohlbefin­den und Le­bensqualität. Soziale Unterstützung befriedigt allgemeine soziale Bedürfnisse nach Teilhabe, Anerkennung und sozialem Aufgehoben-Sein. Die Befriedigung die­ser sozialen Bedürf­nisse aber schafft ein Fundament von Wohlbefinden, das biographi­sche Ver­läufe gegen Verletzungen und psychosoziale Brüche absi­chert (vgl. weiterführend Herriger 2014, S. 94-99; Knecht/Schubert 2012).

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