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Grundlagentext Empowerment

2. Die Philosophie der Menschenstärken: Grundprinzipien und Wertebasis

Ausgangspunkt des Empowerment-Konzeptes ist eine deutliche Kritik an den Blind­flecken des tradierten Klientenbildes, das das berufsbezogene All­tagswis­sen in den Köp­fen der so­zia­len Professionals prägt. Dieses Kli­entenbild ist bis heute in weiten Pas­sagen von einem Defi­zit-Blick auf den Menschen ge­prägt, d.h. die Identi­täts­ent­würfe der Klienten Sozialer Ar­beit, ihre bio­gra­phischen Er­fah­rungshori­zonte und Bin­dungs­netz­werke werden nur allzu oft al­lein in Katego­rien von Mangel und Un­fertig­keit, Be­schä­di­gung und Schwäche wahrgenom­men. Im Lichte dieser grundle­genden Defizit-Orientierung aber ge­winnt die be­ruflich hel­fende Unter­stützung in vielen Fäl­len den Charakter einer „Fürsorge­päd­ago­gik“, die die Betroffenen in bera­tende und therapeutische Voll­versor­gungspa­kete ein­packt, sie zugleich aber auf Dauer von Fremdhilfe abhän­gig macht und verbleibende Res­sourcen von Eigenmächtigkeit ent­wertet.

Das Empowerment-Konzept nun bricht mit diesem Blick auf die Schwä­chen und Ab­hän­gigkeiten. Menschen, die psy­chosoziale Unterstützung in Anspruch neh­men, wer­den hier also nicht mehr als hilfebe­dürftige Män­gelwesen an­ge­sehen, die der pädagogischen Fürsorglichkeit bedürfen. Ganz im Gegen­teil: Die Adressaten sozialer Dienstlei­stun­gen werden - auch in Lebensetappen der Belastung - in der Rolle von kompetenten Ak­teu­ren wahrgenommen, die über das Vermögen verfügen, ihre Lebenssettings in ei­gener Regie zu gestalten und Lebenssouveränität zu gewinnen. Die­ses Vertrauen in die Stärken der Menschen, in produk­ti­ver Weise die Bela­stun­gen und Zumu­tun­gen der alltägli­chen Lebenswirk­lich­keit zu verarbeiten, ist Zentrum und Leitmo­tiv der „Philosophie der Menschenstärken“. Dieses Menschenbild, das der Empowerment-Praxis leitend ist, umfasst folgende Bausteine (Herriger 2014, S. 70-79):

  • Die Abkehr vom Defizit-Blick auf Menschen mit Lebensschwierigkeiten und zugleich auch der Verzicht  auf pädagogische Zuschreibungen von Hilfebedürftigkeit;
  • Der Blick auf die Menschenstärken: das Vertrauen in die Fä­higkeit eines jeden Menschen  zu Selbstak­tuali­sierung und perso­na­lem Wachstum;
  • Die Akzeptanz von Eigen-Sinn: die Achtung vor der Autonomie und der Selbstverantwortung des Klienten und der Respekt auch vor unkonventionellen Lebensentwürfen;
  • Psychosoziale Arbeit als „Lebensweg-Begleitung“: der Re­spekt vor der ei­genen Zeit und den eigenen Wegen des Kli­enten und der Verzicht auf enge Zeit­hori­zonte und standar­disierte Hilfepläne;
  • Die normative Enthaltsamkeit der Helfer: der Ver­zicht auf ent­mün­di­gende Expertenurteile  im Hinblick auf die Definition von Le­benspro­blemen, Pro­blemlö­sun­gen und Lebensper­spek­tiven; und
  • Die Grundorientierung an einer „Rechte-Perspektive“: Men­schen mit Lebensschwierigkeiten verfügen - unab­hängig von der Schwere ihrer Beeinträchtigung - über ein un­veräußerliches Partizipations- und  Wahlrecht im Hinblick auf die Gestaltung ihres Le­bensalltags.

Das Empowerment-Konzept basiert auf normativ-ethischen Grundüberzeugungen, in denen sich die Achtung vor der Autonomie der Lebenspraxis der Klienten, ein engagiertes Eintreten für soziale Gerechtigkeit und für den Abbau von Strukturen sozialer Ungleichheit sowie die Orientierung an einer Stärkung von (basis-)demokratischen Partizipationsrechten miteinander verbinden.

Selbstbestimmung und Lebensautonomie: Ein erstes normatives Fun­dament der Philo­sophie des Empower­ments ist der feste Glauben an die Fähigkeit eines je­den In­di­vidu­ums, aus dem Schneckenhaus von Abhän­gigkeit, Resignation und er­lern­ter Hilflosig­keit auszuziehen und in eigener Kraft Autonomie, Selbst­ver­wirkli­chung und Lebens­souveränität zu er­strei­ten. Obwohl die Soziale Arbeit das Recht des Klienten auf Selbstbestim­mung und Lebensautonomie stets be­tont, er­scheint die Nennung die­ses Grundwer­tes nicht überflüssig. Denn: Die be­rufsall­täg­liche Einlösung die­ses Anspru­ches erfordert von den Mitarbeitern sozi­aler Dienste eine sen­sible selbstreflexive Eingren­zung der eigenen Exper­ten­macht („sharing power“).

Soziale Gerechtigkeit: Dieser zweite Grundwert thematisiert die gesell­schaft­lichen Strukturen sozialer Ungleichheit, d.h. die sozial ungleiche Verteilung von materiellen Lebensgütern (Niveau und Sicherheit des ver­fügbaren Einkommens und Vermögens) und immateriellen Lebensgütern (Bildung; Gesundheit; soziale Sicherung; Inklusion in tragende soziale Netzwerke). Das Empower­ment-Kon­zept bleibt hier - auch in Zei­ten eines konservativen Roll-Backs und eines durchgreifenden Reformpessimismus - einem sozialaufklärerischen Pro­gramm ver­pflich­tet. Es ist sein Ziel, Men­schen ein kriti­sches Bewusst­sein für die Web­muster der sozial ungleichen Verteilung von Le­bensgü­tern und gesellschaftli­chen Chancen zu vermit­teln und in ihren Köpfen ein analytisches Wissen um die Verän­derbar­keit dieser übermächtig erscheinen­den Strukturmu­ster zu festigen. Und es ist sein Ziel, Menschen sowohl im mikrosozialen Kos­mos ihrer alltägli­chen Le­benswirklichkeit als auch im makrosozialen Kos­mos politischer Selbst­vertretung zu sozialer Aktion anzustiften.

Demokratische Partizipation: Der dritte normative Grundpfeiler des Em­po­wer­ment-Konzeptes ist das Prinzip Bürgerbeteiligung. Empower­ment-Pro­zesse zielen auf die Stärkung der Teilhabe der Bürger an Ent­scheidungs­prozessen, die ihre personale Lebensgestaltung und ihre un­mittelbare so­ziale Lebenswelt be­treffen. Sie zielen auf die Implementa­tion von Partizipa­tionsverfahren, die ihren Wünschen und Bedürfnissen nach Mitmachen, Mitgestalten, Sich-Einmischen in Dienstleistungspro­duktion und lokaler Politik Rech­nung tragen und eine ei­genverantwortliche Ge­stal­tung von loka­len Umwelten zulas­sen. In dieser Stra­tegie sozialpoliti­scher Einmischung verbinden sich die Philosophie des Empo­werments und die aktuelle Dis­kussion über „Zivilge­sell­schaft“ und „Kommunita­ris­mus“. Empowerment und Kommunitarismus gemeinsam ist die For­de­rung, die Eigenverantwor­tung und Eigenbeteili­gung der Bürger in der Be­sor­gung loka­ler Ange­legen­heiten zu stärken, neue zi­vile Verbindlichkeiten („Gemeinsinn“) zu etablieren und niedrigschwellige Ver­fahren einer kol­lekti­ven Selbstre­ge­lung in kleinen lokalen Kreisen zu imple­mentieren.

Vor dem Hintergrund dieser „Philosophie der Menschenstärken“ ergibt sich ein neues Verständnis der professionellen Identität sozialer Arbeit. Dieses Empowerment-Verständnis können wir mit drei Stichworten kennzeichnen:

(1) „sharing power“: Die Abkehr von Paternalismus und „fürsorglicher Belagerung“

  • der Verzicht auf vorschnelle Expertenurteile im Hinblick auf „Problemdeutungen“ und „Lösungen“ für den Klienten
  • der Verzicht auch auf feste Ziele- und Wegevorgaben, Therapiepläne, stellvertretende Problemlösungen
  • ein geduldiges Sich-Einlassen auf die Situationsdeutungen, Lebensentwürfe und Zukunftsvorstellungen des Klienten
  • die Abkehr von (entmündigender) Verantwortungsübernahme; die Ermutigung des Klienten zu Eigentätigkeit und Selbstverantwortung.

(2) Der Respekt vor der Autonomie des Betroffenen und Kooperation ‚auf Augenhöhe’

  • Professionelle pädagogische Arbeit versteht sich als dialogisch-reflexive Verständigung zwischen Partnern (eine „kollaborative“ Arbeitsbeziehung „auf Augenhöhe“);
  • Pädagogische Arbeit ist zugleich immer auch „konfrontativer Spiegel“: Konfrontation der Selbstwahrnehmung des Klienten mit kontrastierender Fremdwahrnehmung – dies auf der Basis eines festen Vertrauensfundamentes;
  • Soziale Arbeit erweist ihre Produktivität überall dort, wo sie ihren KlientInnen „Testfelder“ eröffnet für das Entdecken von eigenen Stärken und für die Erprobung von Selbstbestimmung und Eigengestaltung;
  • Stellvertretendes Handeln – insbesondere bei schwerst-mehrfachbehinderten Menschen – bedarf einer verstehenden Diagnostik und einer (Team-)Reflexion von ungerechtfertigten Hilflosigkeitsunterstellungen und Entmündigungsfallen.

(3) Die Mentoren-Rolle der professionellen Helfer

Für die neue berufliche Rolle von „Empowerment-ArbeiterInnen“ finden sich in der Literatur unterschiedliche Begrifflichkeiten: Assistent – Unterstützer – Begleiter. Wir möchten hier den Begriff „Mentor“ bzw. „Mentorenschaft“ (kundige Lebensweg-Begleitung) vorschlagen. In dieser Mentorenschaft erfüllt der professionelle Helfer folgende Rollen (vgl. ausführlich Herriger 2014, S. 233 ff.):

  • Unterstützer und mutmachender ‚Orientierungshelfer’
  • Lebenswelt-Analytiker und kritischer Lebensinterpret
  • Netzwerker, Ressourcendiagnostiker, Ressourcenmobilisierer
  • Intermediärer Brückenbauer
  • Dialogmanager und Konfliktmediator
  • Vertrauensperson und anwaltschaftlicher Vertreter.

Die „zurückhaltende“ Professionalität, die in der Mentoren-Rolle zum Ausdruck kommt, wird in der Praxis vielfach missverstanden als Entqualifizierung und als Verlust von fachlicher Expertise. Aber: Das Gegenteil ist richtig. Die Mentoren-Rolle erfordert ein hohes Maß an Professionalität, die sich freilich nicht in einem Autoritäts- und Machtgefälle zwischen professionellem Helfer und Klient realisiert, sondern vielmehr in einer wertschätzenden Kommunikation und einem kooperativen Arbeitsbündnis („auf Augenhöhe“) zwischen beiden Seiten.

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