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Grundlagentext Empowerment

Gliederung:

  1. Empowerment: Zugänge zu einem neuen Begriff
  2. Die Philosophie der Menschenstärken: Grundprinzipien und Wertebasis
  3. Ressourcen in der pädagogischen Praxis
  4. Handwerkszeuge: Methoden des Empowerments
  5. „…wenn gar nichts mehr geht“: Ressourcenorientierte Beratung mit gering motivierten Klienten
  6. Evaluation: Produkte erfolgreicher Empowerment-Prozesse
  7. Empowerment und Organisationsentwicklung: der Empowerment-Zirkel
  8. Empowerment und neue Professionalität in der psychosozialen Arbeit
  9. Literatur

1. Empowerment: Zugänge zu einem neuen Begriff

„Die Menschen stärken“, „Ressourcen fördern“, „personale Kompetenzen (weiter-)entwickeln“ – Stichworte wie diese verweisen auf ein Handlungskonzept, das in den letzten Jahren zum Fixstern am Himmel der psychosozialen Arbeit avanciert ist: das Empowerment-Konzept. Ursprünglich eine Importware aus dem Bereich der Bürgerrechtsbewegung und der gemeindebezogenen sozialen Arbeit der USA gehört dieses Konzept heute zu den Kursgewinnern auf dem psychosozialen Ideen­markt. Es hat in der Sozialpädagogik, der psychotherapeutischen Arbeit, in der Gesundheitsförderung und der Behindertenarbeit Eingang in die Reformdebatte gefunden und vielfältige Modellprojekte stimu­liert. In der Literatur finden sich viele Versuche, das was Empowerment (wörtlich übersetzt: Selbstbemächtigung; Selbstbefähigung; Stärkung von Eigenmacht und Autonomie) ausmacht, auf den Begriff zu bringen. Gemeinsam ist allen Definitionsangeboten eines: Der Begriff Empowerment steht heute für alle sol­chen Ar­beitsan­sätze in der psychosozialen Praxis, die die Menschen zur Entdec­kung der ei­genen Stär­ken ermu­tigen und ihnen Hil­festel­lungen bei der Aneig­nung von Selbstbe­stim­mung und Le­bens­autonomie vermitteln wollen. Ziel der Empo­wer­ment-Praxis ist es, die vor­han­denen (wenn auch vielfach ver­schütteten) Fä­hig­keiten der Menschen zu kräfti­gen und Res­sourcen freizusetzen, mit deren Hilfe sie die eigenen Lebens­wege und Le­bens­räume selbst­bestimmt gestalten kön­nen. Empowerment - auf eine kurze For­mel gebracht - ist das Anstiften zur (Wieder-)An­eignung von Selbstbestimmung über die Umstände des eigenen Le­bens.

In der Literatur lassen sich zwei Lesarten von Empowerment un­terschei­den:  

(1) Empowerment als Selbstbemächtigung problembetroffener Personen

Definitionen in diesem ersten Wortsinn betonen die aktive Aneignung von Macht, Kraft, Ge­staltungsvermögen durch die von Machtlosigkeit und Ohn­macht Betroffe­nen selbst. Empowerment wird hier als ein Prozess der Selbst-Be­mächtigung und der Selbst-Aneig­nung von Lebenskräften be­schrieben: Men­schen verlassen das Ge­häuse der Abhängigkeit und der Be­vormundung. Sie be­freien sich in eigener Kraft aus einer Position der Ohnmacht und wer­den zu aktiv han­delnden Akteu­ren, die ein Mehr an Selbstbestim­mung, Autonomie und Lebens­regie er­streiten. Empowerment be­zeichnet hier also einen selbstinitiierten und ei­genge­steuer­ten Pro­zess der (Wieder-)Her­stellung von Selbstbestimmung in der Gestal­tung des ei­genen Le­bens. Diese Definition betont somit den Aspekt der Selbsthilfe und der aktiven Selbstor­ganisa­tion der Betrof­fenen. Sie fin­det sich vor allem im Kontext von Projekten und In­itiativen, die in der Tradition der Bürgerrechtsbewegung und der Selbst­hilfe-Bewe­gung stehen.

(2) Empowerment als professionelle Unterstützung von Autonomie und Selbst­gestal­tung

Definitionen, die aus der Tradition der professionellen psychosozialen Ar­beit ent­stammen, betonen hingegen die Aspekte der Unterstützung und der Förde­rung von Selbstbestimmung durch berufliche Helfer. Der Blick richtet sich hier also auf die Seite der Mitarbei­ter psy­chosozialer Dienste, die Pro­zesse der (Wieder-)Aneig­nung von Selbstgestal­tungskräf­ten anregen, för­dern und un­terstützen und Ressour­cen für Empower­ment-Pro­zesse be­reitstellen. Em­po­werment ist in diesem Wortsinn pro­grammati­sches Kür­zel für eine psy­cho­soziale Praxis, deren Hand­lungsziel es ist, Men­schen das Rüstzeug für ein ei­gen­ver­antwortliches Lebens­manage­ment zur Ver­fü­gung zu stellen und ihnen Möglich­keits­räume aufzuschließen, in denen sie sich die Er­fahrung der ei­ge­nen Stärke aneig­nen und Muster solidari­scher Ver­net­zung erpro­ben können.

Empowerment - eine Arbeitsdefinition

Der Begriff „Empowerment“ bedeutet Selbstbefähigung und Selbstbemächtigung, Stärkung von Eigenmacht, Autonomie und Selbstverfügung. Empowerment beschreibt Mut machende Prozesse der Selbstbemächtigung, in denen Menschen in Situa­tionen des Mangels, der Benachteiligung oder der gesell­schaftli­chen Ausgrenzung beginnen, ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu neh­men, in denen sie sich ihrer Fä­hig­keiten bewusst werden, eigene Kräfte entwickeln und ihre indivi­duellen und kollek­tiven Ressourcen zu einer selbstbe­stimmten Le­bensführung nutzen ler­nen. Empowerment - auf eine kurze Formel gebracht - zielt auf die (Wieder-)Herstel­lung von Selbst­bestim­mung über die Um­stände des ei­ge­nen All­tags. In der Literatur finden sich weitere Umschreibungen von Empowerment:

  • Die Fähigkeit, aus der bunten Vielzahl der angebotenen Lebensoptionen auswählen und eigenverantwortete Entscheidungen für die eigene Person treffen zu können;
  • Die Fähigkeit, für die eigenen Bedürfnisse, Interessen, Wünsche und Phantasien aktiv einzutreten und bevormundenden Übergriffen anderer in das eigene Leben entgegentreten zu können;
  • Die Erfahrung, als Subjekt die Umstände des eigenen Lebens (Selbst-, Sozial- und Umweltbeziehungen) produktiv gestalten und erwünschte Veränderungen ‚in eigener Regie‘ bewirken zu können (die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und Gestaltungsvermögen);
  • Die Bereitschaft und die Fähigkeit, sich belastenden Lebensproblemen aktiv zu stellen (und nicht zu Mustern der Verleugnung und der Nicht-Wahrnehmung Zuflucht zu suchen), wünschenswerte Veränderungen zu buchstabieren und hilfreiche Ressourcen der Veränderung  zu mobilisieren;
  • Das Vermögen, ein kritisches Denken zu lernen und das lähmende Gewicht von Alltagsroutinen, Handlungsgewohnheiten und Konditionierungen abzulegen;
  • Die Fähigkeit, sich aktiv Zugang zu Informationen, Dienstleistungen und Unterstützungsressourcen zu eröffnen und diese ‚zum eigenen Nutzen‘ einzusetzen;
  • Die Einsamkeit überwinden und die Bereitschaft, sich in solidarische Gemeinschaften einzubinden;
  • Das Einfordern der eigenen Rechte auf Teilhabe und Mitwirkung und die stete Bereitschaft, offensiv gegen stille Muster der Entrechtung einzutreten.

Dort, wo Menschen diese Erfahrungen von Selbstwert und aktiver Gestaltungskraft, von Ermutigung und sozialer Anerkennung haben sammeln können, vollziehen sich Mut machende Prozesse einer „Stärkung von Eigenmacht“. Der Rückgriff auf das positive Kapital dieser Erfahrungen macht es Menschen möglich, sich ihrer Um­welt we­niger ausgesetzt zu fühlen und Mut für ein offensives Sich-Einmischen zu sammeln. Solche po­sitiven Le­benser­fahrungen aber, in denen Menschen Sicherheit und Selbstwert finden, entfal­ten eine be­mächtigende Kraft.

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